Warum People Pleasing dich davon abhält, du selbst zu sein

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Inhalt9 Abschnitte
Flache Vektorgrafik mit wolkiger Form, Schlüsselsymbol und klarem Rechteck als Sinnbild für Klarheit

Kurz gesagt

People Pleasing entsteht, weil du Gedanken denkst, die in dir ein Gefühl der Angst erzeugen: Jemand mag dich nicht mehr, zieht sich zurück, es gibt Streit. Du baust dir also ein Szenario, dem du dich nicht gewachsen glaubst, und verstellst dich lieber. Der Ausweg führt über Klarheit: Du siehst die Fakten, erkennst deine Geschichten als Geschichten und merkst, dass hinter einem Konflikt nur zwei Parteien mit verschiedenen Absichten stehen, die noch keine Einigung gefunden haben.

Antwort von Jens Heuchemer zum Buch ‚Mentale Stärke und Resilienz‘

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Satz "Ich kann nicht ich selbst sein" verschiebt die Verantwortung nach außen. Die erste Frage lautet deshalb: Wer übernimmt in diesem Moment die Verantwortung?
  • Der Grund fürs Verstellen ist ein Gedanke, der Angst erzeugt, meist die Angst vor Ablehnung, Rückzug oder Streit.
  • Reale Situationen haben fast nie die Intensität, die dein Verstand ihnen vorher angedichtet hat.
  • Ein Konflikt ist faktisch nur die Lage, dass verschiedene Seiten Verschiedenes wollen und noch keine Einigung haben. Nicht mehr und nicht weniger.
  • Mental stark heißt innere Ruhe statt Lust auf Streit, und aus dieser Ruhe heraus kannst du zu dir und deinen Entscheidungen stehen.
62. Warum es so unfassbar viele Konflikte überall gibt · Auf YouTube ansehenBeim Abspielen überträgt YouTube (Google) Daten, es gelten deren Datenschutzhinweise und unsere Datenschutzerklärung.

"Es ist, weil ich nicht ich selbst sein kann und mich ständig verstellen muss." Diesen Satz höre ich oft, und vermutlich hast du ihn selbst schon gedacht. Heute nennt die Szene der Persönlichkeitsentwicklung das "People Pleasing", und die meisten Erklärungen dazu wandern sofort in deine Kindheit, in Prägungen und Bindungsmuster. Ich gehe hier einen anderen Weg.

Ich schaue mir mit dir an, was in dem Moment passiert, in dem du dich klein machst. Welcher Gedanke läuft da? Welches Gefühl erzeugt er? Und was bleibt übrig, wenn du die Geschichte abziehst und nur die Fakten stehen lässt? Du bekommst in diesem Artikel eine nüchterne Definition von Konflikt, meine eigene Geschichte vom konfliktscheuen Anfang-Zwanzigjährigen und ein Werkzeug, das du ab morgen benutzen kannst.

Was hinter dem Satz steckt: Ich kann nicht ich selbst sein

Dieser Satz ist in sich deutlich komplexer, als er beim ersten Hören klingt. Trotzdem dürfen wir zuerst eine ganz schlichte Frage beantworten: Wer übernimmt hier gerade die Verantwortung?

Denn wenn du sagst, du könntest nicht du selbst sein, dann bist du es in diesem Moment eben nicht. Die Formulierung schiebt die Regie nach außen, zu den anderen, zur Situation, zu den Umständen. Und ja, das ist provokant. Ich meine es trotzdem herzlich, denn genau darin liegt deine Chance.

Verantwortung ist bei mir kein Vorwurf, sondern die machtvollste Position, die du einnehmen kannst. Wer sich verstellt, tut das selbst. Niemand hält dir die Hand vor den Mund. Es gibt einen Grund dafür, und den kannst du ansehen, benennen und verändern. Das geht nur, solange du der Täter in deinem eigenen Leben bist und nicht das Opfer der anderen.

Also drehen wir die Aussage um. Statt "Ich kann nicht ich selbst sein" heißt es dann: "Ich entscheide mich gerade dafür, mich zu verstellen, weil ich etwas befürchte." Spürst du den Unterschied?

Die eigentliche Ursache von People Pleasing: ein Gedanke, der Angst erzeugt

Du machst dich klein, um zu gefallen. Du lässt den Weg liegen, von dem du träumst. Dahinter steckt meist nur ein einziger Grund: Du denkst Gedanken, die in dir ein Gefühl der Angst hervorrufen.

Die Klassiker kennst du vermutlich:

  • Er mag mich dann nicht mehr.
  • Sie verlässt mich.
  • Die ziehen sich langsam aus meinem Leben zurück.
  • Es gibt Streit, und das halte ich nicht aus.

Das sind keine Fakten. Das sind Gedanken über eine Zukunft, die es noch gar nicht gibt. Und weil du sie oft genug denkst, erzeugen sie ein Gefühl. Dieses Gefühl fühlt sich an wie eine Warnung, also handelst du danach und nickst, obwohl du innerlich den Kopf schüttelst.

Du erschaffst dir damit ein Szenario in deiner eigenen Realität, in dem etwas passiert, dem du dich nicht gewachsen glaubst. Nicht die Person vor dir macht dich klein. Dein eigenes Kopfkino macht das, und zwar gratis und ohne Werbepause.

Die gute Nachricht steckt direkt darin: Was du erzeugst, kannst du auch anders erzeugen. Gedanken sind trainierbar wie ein Muskel. Ungewohnt ist das, nicht schwer.

Vier verbundene Kästen mit Pfeilen zeigen die Kette von Gedanke über Angst und Situation zum Verstellen
Ein einzelner Gedanke setzt die Kette in Gang, an deren Ende das Verstellen steht.

Warum die befürchtete Situation fast nie so schlimm wird

Ist dir schon einmal aufgefallen, dass solche Situationen meist nur einen Bruchteil der Intensität haben, die du dir vorher ausgemalt hast? Du stehst mittendrin, sagst deine Meinung, und danach denkst du: Das war es jetzt?

Das hat einen simplen Grund. Dein unkontrollierter Verstand hat unglaublich viel Fantasie, und die setzt er gern für düstere Bilder ein. Da wird aus einem klärenden Gespräch mit deinem Chef ein Kündigungsschreiben, aus einem Nein gegenüber einer Freundin das Ende der Freundschaft. Dein Kopf schreibt den Film, und du schaust ihn dir fünfmal an, bevor überhaupt jemand das Wort ergriffen hat.

Erlebst du einen Konflikt dagegen ganz bewusst, ohne dich von deinen egobehafteten Geschichten einlullen zu lassen, dann merkst du eine Sache: Es ist gar nicht so schlimm.

Ich habe dafür einen kleinen Auftrag für dich. Beim nächsten Mal, wenn du schon vorher innerlich zusammenzuckst, schreibst du dir zwei Zeilen auf. Erste Zeile: Was befürchte ich konkret? Zweite Zeile, nach dem Gespräch: Was ist tatsächlich passiert? Vergleiche die beiden Zeilen eine Woche lang. Dein Verstand wird dabei ziemlich schlecht aussehen.

Was mir das Boxtraining über Konfliktscheu gezeigt hat

Bevor ich dir weiter auf die Füße trete, erzähle ich dir meine eigene Geschichte. Mit Anfang 20 habe ich schon viel Sport gemacht, stand Konflikten aber sehr scheu gegenüber. Besonders dann, wenn Fremde beteiligt waren oder die Gefahr bestand, dass es körperlich werden könnte. Ich habe das nie beabsichtigt, und privat ist es bis heute auch nie dazu gekommen. Aber ich merkte, dass ich oft klein beigab und nicht zu dem stand, was ich eigentlich glaubte. Vermutlich kennst du jemanden, der das auch regelmäßig tut.

Also bin ich zum Boxtraining gegangen. Und dann passierte etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Ich habe mich unfassbar in diesen Sport verliebt.

Bei den ersten Sparrings und bei meinem ersten Wettkampf ließ ich irgendwann die Deckung fallen und spürte direkt die Rechte meines Gegenübers. Das tat weh, ein Veilchen war auch einmal mit von der Partie. Und genau dadurch begriff ich eine Sache: Ich bin nicht aus Glas.

Selbst wenn es einmal zu einem Konflikt kommt, passiert faktisch gar nicht so viel. Es kann wehtun, klar. Mehr aber auch nicht. Durch den Boxsport habe ich enorm viel Vertrauen in meinen Körper gewonnen, und dieses Vertrauen hat meinen Umgang mit Menschen verändert.

Was ein Konflikt wirklich ist

Jetzt nehmen wir das Wort „Konflikt“ einmal auseinander, so wie wir das mit jedem Wolkenwort machen. Was ist ein Konflikt, rein faktisch betrachtet?

Er entsteht im Grunde dann, wenn mehrere Seiten etwas Verschiedenes wollen. Nicht mehr und nicht weniger.

Da steht nichts von Gefahr. Nichts von Liebesentzug. Nichts von "Ich bin dann nicht mehr liebenswert". Das alles ist Beiwerk, das dein Ego dazuerzählt hat. Zwei Leute wollen Verschiedenes und haben noch keine Lösung. Das ist die gesamte Faktenlage.

Wenn du dir das wirklich klarmachst, verliert die Sache enorm an Gewicht. Du kannst darüber reden, dass dein Partner ans Meer will und du in die Berge. Du kannst darüber reden, dass dein Kunde weniger zahlen möchte, als du aufrufst. Du musst dafür nur eines nicht tun: dir vorher einen Horrorfilm ansehen, in dem der andere dich vernichtet.

Lies die Definition noch einmal. Verschiedene Absichten, keine Einigung. Mehr gibt es da nicht zu sehen.

Gegenüberstellung einer ausgefransten Wolkenform und eines klaren Rechtecks mit zwei gegenläufigen Pfeilen
Links das ausgemalte Szenario, rechts die nüchterne Faktenlage: zwei Seiten ohne Einigung.

Konfliktfähigkeit lernen heißt: Klarheit mitbringen

Die meisten Menschen sind konfliktscheu, weil sie ihre Gedanken nicht unter Kontrolle haben. Ich war damals genauso. Das ist keine Charakterschwäche und auch keine Diagnose, das ist schlicht fehlendes Training.

Wenn du dich dagegen in deiner mentalen Stärke trainierst, bringst du etwas in potenzielle Konflikte ein, das viele nicht haben: Klarheit.

Klarheit heißt in der Praxis drei Dinge:

  1. Du siehst die Fakten. Was ist tatsächlich gesagt, gemacht, vereinbart worden?
  2. Du identifizierst die Geschichten. Was davon hast du dazugedichtet, weil du einen Gedanken oft genug wiederholt hast?
  3. Du lässt dich von deinem Ego nicht in eine Richtung manipulieren, in die du gar nicht willst.

Das ist etwas anderes als eine Kommunikationsformel. Du lernst keine Sätze auswendig, mit denen du den anderen weichkochst. Du räumst deinen eigenen Kopf auf, bevor du den Mund aufmachst. Und wer klar ist, muss selten laut werden.

Woran du merkst, dass dieses Training greift, habe ich an anderer Stelle beschrieben: Woran du mentale Stärke bei dir selbst erkennst.

Zentraler Kreis mit Trichtersymbol und vier umliegende Kreise mit Symbolen für Gedanke, Situation, Stärke
Klarheit in der Mitte trennt Geschichten von Fakten und trägt vier Bereiche des Handelns.

Mental stark heißt nicht, Streit zu suchen

Jetzt kommt der Einwand, den ich an dieser Stelle fast immer höre: "Jens, ich will aber kein Streithammel werden." Musst du auch nicht.

Wer mental stark ist und keine Angstgedanken mehr vor Auseinandersetzungen hat, stürzt sich deshalb nicht fröhlich in jede Reiberei. Der Gewinn ist ein anderer: innere Ruhe, weil du weißt, dass dir dabei nichts passieren kann.

Das ist ein gewaltiger Unterschied. Der eine sucht die Auseinandersetzung, weil er sich darüber definiert. Der andere braucht sie nicht, kann sie aber führen, wenn es sein muss. Zum Thema passt ein Sprichwort, das ich sehr mag:

Es ist besser, ein Krieger in einem Garten zu sein als ein Gärtner im Krieg.

Damit ist ausdrücklich nicht gemeint, dass mentale Stärke dich in den Krieg zieht. Ich bin mir sicher, du verstehst die Metapher so, wie sie gemeint ist. Du gießt weiter deine Blumen. Du bist nur eben jemand, der auch anders könnte, und das verändert alles an deiner Haltung.

Übrigens löst sich damit auch ein beliebtes Etikett auf. Wer Konflikten ausweicht, erklärt andere gern zu schwierigen Zeitgenossen. Warum diese Deutung selten hilft, habe ich hier geprüft: Solltest du dich von toxischen Menschen befreien?

Wie du wieder zu dir und deinen Entscheidungen stehst

Aus dieser Gewissheit heraus kannst du deinen Weg weitergehen und zu dir selbst stehen. Nicht, weil du plötzlich mutiger geworden bist, sondern weil der Grund zum Verstellen weggefallen ist. Die Angst war ein Gedanke. Den hast du jetzt in der Hand.

Fang morgen klein an. Eine Entscheidung, zu der du bisher geschwiegen hättest, sprichst du aus. Danach schaust du dir an, was tatsächlich passiert ist. Nicht, was du befürchtet hast. Was passiert ist. Diese zwei Spalten sind dein Trainingsplan, und sie wirken schneller, als du denkst.

Wie eng das mit deinem eigenen Wort zusammenhängt, kannst du hier weiterlesen: Wie Integrität im Alltag dein Selbstvertrauen stärkt.

Das ganze Thema vertiefe ich in Mentale Stärke und Resilienz, im Kapitel ‚Deine Ziele - Zu dir selbst und deinem Weg stehen‘. Dort zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du deine Gedanken, deine Emotionen, die Fakten und deine Geschichten auseinandersortierst, bis von einem gefürchteten Konflikt genau das übrig bleibt, was er wirklich ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Häufige Fragen

Warum will ich es immer allen recht machen?

Weil du Gedanken denkst, die in dir ein Gefühl der Angst hervorrufen: jemand mag dich dann nicht mehr, verlässt dich, entfernt sich langsam aus deinem Leben oder es gibt Streit. Damit erschaffst du ein Szenario in deiner eigenen Realität, dem du dich nicht gewachsen glaubst. Das Verstellen ist die Reaktion darauf, und zwar deine eigene, nicht die der anderen.

Was bedeutet konfliktscheu?

Konfliktscheu heißt, dass du Auseinandersetzungen aus dem Weg gehst, weil dein unkontrollierter Verstand sie vorher schrecklich und düster ausmalt. Die meisten Menschen sind konfliktscheu, weil sie ihre Gedanken nicht unter Kontrolle haben. Mit Training lässt sich das ändern, denn dann bringst du Klarheit mit statt Kopfkino.

Was ist ein Konflikt wirklich?

Ein Konflikt entsteht im Kern dann, wenn mehrere Seiten etwas Verschiedenes wollen und sich nicht einigen. Mehr steckt faktisch nicht dahinter. Alles andere, was du dabei fühlst, kommt aus den Geschichten, die du dir dazu erzählst.

Wie lerne ich Konfliktfähigkeit?

Indem du dich in deiner mentalen Stärke trainierst und Klarheit in die Situation bringst: Du siehst die Fakten, identifizierst deine Geschichten und lässt dich von deinem Ego nicht in eine Richtung manipulieren, in die du nicht willst. Zusätzlich hilft der Abgleich zwischen dem, was du befürchtet hast, und dem, was tatsächlich passiert ist. Meist bleibt nur ein Bruchteil der ausgemalten Intensität übrig.

Ich verstelle mich ständig, um anderen zu gefallen, und gehe meinen eigenen Weg nicht weiter. Warum mache ich das und wie komme ich da raus?

Der Grund liegt in Gedanken, die Angst erzeugen, meist vor Ablehnung, Rückzug oder Streit. Der erste Schritt ist die Frage, wer gerade die Verantwortung übernimmt, denn mit dem Satz "Ich kann nicht ich selbst sein" bist du es nicht. Danach prüfst du die Faktenlage: Ein Konflikt bedeutet nur, dass zwei Seiten Verschiedenes wollen. Mit dieser Klarheit kannst du deinen Weg weitergehen und zu deinen Entscheidungen stehen.

Ich bin sehr konfliktscheu, besonders gegenüber Fremden, und gebe oft klein bei, obwohl ich innerlich anders denke. Woher kommt das und wie werde ich konfliktfähiger?

Genau so ging es mir mit Anfang 20, und der Grund lag nicht bei den Fremden, sondern bei meinen eigenen unkontrollierten Gedanken. Über das Boxtraining habe ich erfahren, dass ich nicht aus Glas bin und dass faktisch wenig passiert, selbst wenn es einmal hart wird. Daraus entstand Vertrauen in meinen Körper und innere Ruhe. Diese Ruhe heißt nicht, dass du jede Reiberei suchst, sondern dass du weißt, dir kann nichts passieren.

Porträt von Jens Heuchemer
Zur Person

Über Jens Heuchemer

Jens Heuchemer ist SPIEGEL-Bestsellerautor, Coach und Experte für mentale Stärke und persönliche Transformation. Mit seinem Buch „Mentale Stärke und Resilienz“ zeigt er, wie Menschen innere Stärke entwickeln, mentale Blockaden mit Leichtigkeit überwinden und ein selbstbestimmtes Leben führen.

Mehr über Jens HeuchemerWebsite: jens-heuchemer.com

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