Woran du mentale Stärke bei dir selbst erkennst

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Schaubild: Eine unangenehme Lage führt entweder zu mentaler Stärke oder zu mentaler Schwäche

Kurz gesagt

Mentale Stärke meint, dass du dich nach einer unangenehmen Lage oder einem Vergleich nicht innerlich dagegen wehrst. Du siehst nüchtern, was ist, erkennst daraus, was du willst, und gehst weiter. Mentale Schwäche bewertet dieselbe Lage, sagt „Das sollte so nicht sein“ und erzählt sich eine Leidensgeschichte.

Antwort von Jens Heuchemer zum Buch ‚Mentale Stärke und Resilienz‘

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine für dich unschöne Situation ist trotzdem an sich neutral und zeigt dir, was du willst, wenn du sie ohne Bewertung und ohne Widerstand ansiehst.
  • Leiden entsteht nicht aus dem Umstand, sondern aus dem Widerstand gegen ihn.
  • Vergleichen ist notwendig für Entwicklung; entscheidend ist die Bewertung, die danach folgt.
  • Hart zu arbeiten oder zu trainieren ist keine Schwäche, das Jammern darüber schon.
  • Mentale Schwäche ist ein Zustand in einzelnen Bereichen, den du durch Training verlassen kannst.
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Stell dir vor, du hast nur noch 100 Euro auf dem Konto, eine Rechnung steht an, und der Monat hat noch acht Tage. Das ist eher eine bescheidene Situation, und glaub mir, an diesem Punkt war ich auch mehr als einmal. Meistens dauert es nicht lange, bis du einen Satz denkst wie „Das sollte so nicht sein, das sollte anders sein!“

Bist du deshalb schon mental schwach, nur weil die Lage unangenehm ist? Nein, denn die Lage auf dem Konto ist für jeden, der in ihr steckt, erst einmal dieselbe. Ob jemand mentale Stärke hat, zeigt sich nicht an diesem Umstand, sondern an dem, was danach in seinem Kopf passiert. Genau dort trennen sich die beiden Seiten, und deshalb kannst du den Unterschied an deinen eigenen Gedanken prüfen.

Kontraste zeigen dir, was du willst

Um diesen Unterschied zu verstehen, nehme ich einen Gedanken aus den Lehren Buddhas zu Hilfe und halte ihn ganz einfach. Dort heißt es im erweiterten Umfang sinngemäß: Ohne Schmerz wüssten wir nicht, was uns wichtig ist und was wir eigentlich wollen. Ich nenne diesen Schmerz lieber „Kontrast“, weil das Wort Schmerz direkt eine negative Assoziation mitbringt.

Die knappe Lage vom Anfang ist genau so ein Kontrast: Du weißt, dass du mehr Geld willst, wenn in der Leere deines Bankkontos ein Echo widerhallen kann. Der Kontrast selbst ist dabei neutral. Stell ihn dir als schwarzen Strich auf einem weißen Blatt vor. Keine der beiden Farben ist gut oder schlecht, sie stehen nur im Kontrast zueinander, und genau aus diesem Kontrast wählst du deine Präferenz.

Den Kontrast so zu sehen, wie er ist, statt sofort in Bewertungen zu fallen, gelingt allerdings nur mit einer gewissen mentalen Stärke. Wer das schafft, behält seine Klarheit und kann nach einer Lösung suchen.

Leiden entsteht aus Widerstand, nicht aus dem Umstand

Wenn der Kontrast neutral ist, woher kommt dann das Leiden, das bei fast allen Menschen auf Autopilot mitläuft? Aus der Lage selbst jedenfalls nicht.

Leiden entsteht nicht aufgrund der Umstände, sondern durch mentale Schwäche, die einen Widerstand zum Kontrast aufbaut!

Angenommen, du bist unbewusst mit etwas identifiziert, du hältst es also für einen Teil dessen, wer du bist. Passiert mit dieser Identifikation etwas, meldet sich dein Ego und sagt dir, dass es so nicht sein sollte. Dann steckst du bis zum Hals im Widerstand gegen die Situation, und dieser Widerstand führt zum Leiden. Deshalb ist Leiden für mich ein rein mentaler Zustand, den niemand außer dir selbst hervorrufen kann.

Hörst du bei dir den Satz „Das sollte so nicht sein“, weißt du also, auf welcher Seite du gerade stehst. Eine Klarstellung gehört allerdings dazu: Mentale Schwäche kann vorübergehend sein oder chronisch, und auch sie ist nichts weiter als ein Kontrast, der es dir erst ermöglicht, bewusst zu wählen, was du wirklich erfahren willst.

Drei Kästen in einer Reihe: Kontrast führt zu Widerstand, Widerstand führt zu Leiden
Nicht der Kontrast selbst, sondern der Widerstand dagegen führt zum Leiden.

Entscheidend ist der Gedanke nach dem Vergleich

Bisher ging es um Lagen, die nur dich selbst betreffen. Was ist mit den Kontrasten, die durch andere an dich herangetragen werden? Wenn ich einen anderen Coach sehe, der im gleichen Alter ist wie ich, aber fünfmal mehr Umsatz macht, sage ich mir: „Das ist also möglich? Dann kann und will ich das auch!“ Der Vergleich zeigt mir einen Kontrast, der mir vorher unbewusst war, und deshalb ist Vergleichen für mich notwendig, um im Leben neue Erfahrungen zu machen.

Den Unterschied macht also nicht der Vergleich, sondern die Bewertung, die ihm in einem unkontrollierten Verstand folgt. Nimm dieselbe Lage mit zwei möglichen Gedanken. Der eine lautet etwa: „Puh, ich bin echt ein Loser, der hat in der gleichen Zeit ein fünfmal so großes Business aufgebaut.“ Der andere lautet etwa: „Puh, das ist krass! Das schau ich mir genauer an, denn das will ich auch.“ Der Umsatz dieses Coachs bleibt derselbe, doch der zweite Gedanke erschafft dir eine andere Realität. Deine Gefühle folgen diesem Gedanken, denn Emotionen sind immer die logische Konsequenz der Gedanken davor. Deshalb setze ich beim Gedanken an und nicht erst bei der Emotion.

Mentale Stärke ist, sich ständig zu vergleichen, um Kontraste für das eigene Wachstum zu erfahren, aus den Kontrasten Klarheit darüber zu gewinnen, was du willst und was nicht, und dann in diese Richtung weiterzugehen.

Mentale Schwäche besteht darin, sich ständig zu vergleichen und dies zu bewerten, aus den Bewertungen in den Widerstand zu fallen und sich eine erfundene, negative Geschichte mit starken Identifikationen über sich und Anhaftungen an Umstände zu erzählen.

Anstrengung ist kein Zeichen von Schwäche

Wenn die Schwäche in der Geschichte nach dem Kontrast liegt, ist dann jeder harte Weg schon Schwäche? Nein. Wer jeden Tag 16 Stunden arbeitet, arbeitet eben 16 Stunden, nicht mehr und nicht weniger. Mental schwach ist erst, sich eine Leidensgeschichte dazuzuerfinden und anderen zu erzählen, was man alles für seinen Traum opfert. Mentale Stärke heißt dagegen, sich ein Ziel zu setzen und es ohne mentalen Widerstand anzugehen, statt mit dem Ego eine dramatisch heroische Geschichte daraus zu machen.

Widerstand macht jede Aufgabe schwerer, denn du hast neben ihr noch dich selbst als Bremse im Schlepptau. Eine Aufgabe mit dem Schwierigkeitsgrad vier von zehn fühlt sich dann an wie eine Acht.

In meinen Trainings kommt beim Thema Widerstand regelmäßig der Einwand, Muskeln würden doch größer, je mehr Widerstand sie haben. Als ehemaliger Personaltrainer mit eigenem Fitnessstudio bestätige ich das gern, nur hat es mit dem Widerstand im Kopf nichts zu tun. Hart zu trainieren ist einfach Sport. Ob du mental stark bist, erkennst du deshalb nicht daran, wie hart du es gerade hast, sondern daran, ob du dir eine Geschichte darüber erzählst und zum Sport und der körperlichen Anstrengung selbst in einen mentalen Widerstand verfällst.

Frag dich: Was sind hier die Kontraste?

Sobald du bei dir so eine Geschichte hörst, frag dich, was hier die Kontraste sind und welche Klarheit du aus ihnen gewinnst.

Nimm als Beispiel jemanden, der sich neu im Sportstudio angemeldet hat und merkt, dass bei einigen Geräten die Schulter schmerzt. Das Ego erzählt sich dazu eine Geschichte wie „Damals bin ich vom Gerüst gefallen, seitdem habe ich diese verdammten Schmerzen, und ich werde sie wohl nie los.“ Darin stecken der Widerstand gegen die Lage und eine Opferrolle, weil scheinbar nichts dagegen getan werden kann. Die Kontraste dagegen sind nüchtern: Die Schulter schmerzt, manche Übungen, bei denen die Schulter involviert ist, tun deswegen weh, und begonnen hat es mit einem Unfall. Daraus folgt eine simple Klarheit, etwa dass sich ein Röntgenbild der Schulter lohnen kann, sofern es noch keins gibt, oder dass mehr Muskulatur Stabilität bringen kann, und das ganz ohne dramatische Geschichte.

Du denkst jetzt vielleicht: „Dann sagst du ja, dass fast alle Menschen mental schwach sind!“ Genau das sage ich, aber nicht im Negativen. Ich bin selbst in manchen Bereichen mental schwächer als in anderen und trainiere mich darauf, meine Identifikationen zu erkennen. Mental schwach zu sein ist wie Fahrradfahren mit einem platten Reifen. Das ist nicht schlimm, solange du irgendwann anhältst und den Reifen aufpumpst, statt den harten Asphalt oder die spitzen Steine verantwortlich zu machen.

Mentale Stärke heißt also nicht, nie in einer knappen oder schmerzhaften Lage zu stecken oder nie schwach zu sein. Sie zeigt sich daran, dass du nach dem Kontrast Klarheit darüber gewinnst, was du willst, und in diese Richtung weitergehst. Dann wird ein Vergleich oder eine unangenehme Lage für dich zur Auskunft und nicht mehr zum Anlass für eine Geschichte.

Häufige Fragen

Wie äußert sich mentale Stärke im Alltag?

Mentale Stärke äußert sich in dem Gedanken, der nach einem Ereignis oder Vergleich kommt. Wer mental stark ist, nimmt den Unterschied als Kontrast, gewinnt daraus Klarheit über das, was er will, und geht in diese Richtung weiter. Statt Neid und Selbstabwertung steht dann ein Gedanke, der neugierig macht und zum eigenen Ziel führt.

Wie erkenne ich, ob ich mental schwach bin?

Du erkennst es an dem Satz „Das sollte so nicht sein“ und an dem Widerstand, der darauf folgt. Meist erzählst du dir dann eine Geschichte, in der du Opfer der Umstände bist und scheinbar nichts tun kannst. Das ist ein Zustand in einzelnen Bereichen und kein festes Urteil über dich; entscheidend ist, dass du nicht darin stehen bleibst.

Mentale Stärke oder Härte: Was ist der Unterschied?

Härte beschreibt die Anstrengung, mentale Stärke deine Haltung dazu. Hart zu trainieren ist Sport und viel zu arbeiten ist Arbeit; mental schwach wird es erst mit der Leidensgeschichte darüber. Mental stark ist, wer sein Ziel ohne mentalen Widerstand angeht, denn mit Widerstand fühlt sich jede Aufgabe deutlich schwerer an, als sie ist.

Ist mentale Stärke angeboren, oder kann ich mental stark werden?

Mentale Stärke musst du nicht mitbringen, denn jeder kann sie lernen. Solange sie nicht trainiert ist, kann es sich so anfühlen, als würdest du von deinen Gedanken gedacht, statt sie selbst zu erzeugen. Deshalb ist Training der wichtigste Teil, wenn du mentale Stärke aufbauen willst, und mit der Zeit gelingt es dir immer schneller, auf einen dienlicheren Gedanken umzuschalten.

Porträt von Jens Heuchemer
Zur Person

Über Jens Heuchemer

Jens Heuchemer ist SPIEGEL-Bestsellerautor, Coach und Experte für mentale Stärke und persönliche Transformation. Mit seinem Buch „Mentale Stärke und Resilienz“ zeigt er, wie Menschen innere Stärke entwickeln, mentale Blockaden mit Leichtigkeit überwinden und ein selbstbestimmtes Leben führen.

Mehr über Jens HeuchemerWebsite: jens-heuchemer.com

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