Solltest du dich von toxischen Menschen befreien?
Veröffentlicht am von Jens Heuchemer · 6 Min. Lesezeit
Inhalt5 Abschnitte

Kurz gesagt
Toxische Menschen nennt man Menschen, deren Verhalten einem zu schaden scheint. Destruktives Verhalten gibt es, und durchgehend destruktive Menschen solltest du meiden. Nennst du sie aber toxisch, erklärst du sie für stärker als dich selbst und nimmst diese Opferhaltung in jede neue Lage mit - lass mich erklären!
Antwort von Jens Heuchemer zum Buch ‚Mentale Stärke und Resilienz‘
Das Wichtigste in Kürze
- Erschöpfung nach einem Treffen entsteht, wenn du die destruktiven Gedanken eines anderen übernimmst, nicht durch fremden Energieraub.
- Fakten sind messbar und haben keine Emotion; „toxisch“ ist eine Bewertung, die über das beobachtbare Verhalten hinausgeht.
- Ob ein Abstand zu bestimmten Menschen dich frei macht, hängt davon ab, ob du aus Klarheit gehst oder aus der Angst, vergiftet zu werden.
- Auch ohne Entschuldigung kannst du deine Schlüsse aus dem Verhalten ziehen und die alte Geschichte trotzdem ruhen lassen.
Du kommst von einem Treffen nach Hause und fühlst dich ausgelaugt, etwa nach einem Abend mit einer Freundin oder einem Gespräch mit einem Kollegen. Wer dann nach einer Erklärung sucht, liest schnell, dass genau dieses Gefühl toxische Menschen verrät und dass man sich von ihnen abgrenzen oder befreien sollte, notfalls durch einen Kontaktabbruch. Und schon steht die Frage im Raum, ob du das auch tun solltest.
In der Szene der Persönlichkeitsentwicklung klingt das dann so: „Ich muss mich von den toxischen Menschen befreien.“ Jedes Mal, wenn ich diesen Satz höre, denke ich an bunte Regenwaldfrösche, die zur Abwehr Giftpfeile abschießen. Das Bild ist albern, doch es führt zu einer ernsten Frage. Verschießen die Menschen in deinem Umfeld wirklich Gift, oder behauptet das nur das Wort, mit dem du sie beschreibst?
Ja, es gibt destruktives Verhalten. Aber warum toxisch?
Fangen wir bei dem an, was stimmt. Ja, es gibt destruktive Verhaltensweisen von Menschen. Wenn ich die Behauptung von den toxischen Menschen jetzt auseinandernehme, mache ich das nicht, um mich über jemanden lustig zu machen. Aber solche Aussagen werden in der Regel nur von Menschen getroffen, wenn sie in dem Moment mental schwach sind. Ich habe solche Formulierungen selbst damals einfach so aus der Persönlichkeitsentwicklungsszene übernommen. Und als ich verstanden hatte, wie destruktiv meine Sprache war, war ich geschockt.
Formulierungen wie diese nenne ich Wolkenwörter. Das Problem an ihnen ist, dass sie dich vernebeln und eine Illusion in deiner Realität aufbauen. Bei jedem dieser Wörter stelle ich deshalb dieselbe Frage: Was sind die Fakten? Und welche Realität erschaffst du dir auf Dauer, wenn du diese Formulierung weiter nutzt?
Fakten haben keine Emotionen. Es sind messbare Dinge, über die man nicht diskutieren kann. „Es sind 13 Grad Celsius“ ist ein Fakt, „Sie hat mich seit unserem Date gestern nicht zurückgerufen“ ebenso. Alles, was du dir darüber hinaus erzählst, ist kein Fakt mehr, sondern eine Geschichte.
Nimm das Wort „toxisch“ deshalb einmal wörtlich. Vor etwas, das wirklich giftig ist, haben wir zu Recht Angst, denn Gift ist meist stärker als unser Immunsystem, und ohne Gegenmittel kommen wir nicht dagegen an. Genau diese Bedeutung schwingt mit, sobald du einen Menschen so nennst.
Doch wenn wir andere Menschen als toxisch beschreiben, geben wir all unsere Macht ab.
Wir gehen damit in die Opferhaltung und behaupten, dass der andere über uns bestimmen kann und sein Verhalten stärker ist als wir. Zugleich sagen wir, dass es nur einen Schutz vor seinem Gift gibt, nämlich ihn zu meiden. Fakt ist also das Verhalten; das Gift ist die Geschichte, die du dazuerzählst.

Niemand außer dir bestimmt über deine Energie
Wenn das Gift also nur in der Geschichte steckt, woher kommt dann das ausgelaugte Gefühl nach dem Treffen? Die verbreitete Antwort lautet, dass manche Menschen dir die Energie rauben, und dafür gibt es sogar einen eigenen Namen, die Energievampire. Natürlich schätze auch ich, wie jeder andere, ein Umfeld, das uns mit Worten und Taten unterstützt, weil es an uns glaubt. Doch so etwas wie Energievampire gibt es nicht.
Niemand außer dir selbst kann über deine Energie bestimmen!
Was passiert also wirklich? Das Verhalten des anderen bildest du dir nicht ein, denn jemand tut oder sagt tatsächlich etwas Destruktives. Doch dann beginnst du von dir aus, diese Gedanken zu übernehmen und selbst weiterzudenken. Dann fühlst du dich natürlich auch destruktiv. Das liegt aber nicht daran, dass der andere etwas gesagt oder getan hat, sondern daran, dass du selbst angefangen hast, so zu denken. Ganz nüchtern betrachtet raubst du dir die Energie also selbst, durch deine eigenen Gedanken. Die Erschöpfung nach dem Treffen ist deshalb kein Beweis dafür, dass dir jemand etwas weggenommen hat.
Meiden darfst du, doch dich selbst nimmst du mit
Heißt das, du sollst jeden Menschen einfach aushalten? Nein, das heißt es nicht. Menschen, die durchgehend destruktiv sind und für die du in ihrer Gegenwart unnötig viel Energie aufwenden musst, um weiter in deiner guten Energie zu bleiben, solltest du ganz meiden. Und wenn du niemanden um dich hast, der dich unterstützt und an dich glaubt, empfehle ich dir trotzdem, dein Umfeld zu verändern. Du willst ja nicht rund um die Uhr in Alarmbereitschaft sein, sobald jemand etwas sagt, also mach es dir nicht unnötig herausfordernd.
Entscheidend ist allerdings, aus welchem Grund du gehst. Trennst du dich von jemandem, weil du ihn als toxisch ansiehst, wirst du immer wieder so handeln und weglaufen.
Du kannst dich zwar aus einer Situation entfernen, doch du wirst dich selbst immer in den neuen Umstand mitnehmen, immer im Opfermodus sein und befürchten, dass andere Menschen dich „vergiften“ können.
Deshalb liegt die Lösung nicht darin, Menschen aus Angst vor ihrem "Gift" aus deinem Leben zu verbannen. Trainiere stattdessen, mit deinem Fokus bei dem zu bleiben, was du wirklich willst und in welche Richtung du dich bewegen möchtest. Dann merkst du auch, dass du solchen Menschen nicht ausgeliefert bist, selbst wenn sie in deinem Umfeld bleiben.
Was sind hier die Fakten?
Wie trennst du im Alltag das Verhalten von der Geschichte? Mit einer simplen Frage, die du schon kennst und dir immer wieder stellen kannst: „Was sind hier die Fakten?“ Stell dir vor, ich sitze auf deiner Schulter und frage dich das jedes Mal, wenn dir der Satz von den toxischen Menschen auf der Zunge liegt.
Nehmen wir ein Beispiel. Dein Ex hat dich am Ende der Beziehung betrogen. Damals hast du extrem viel Wut und Trauer in dir produziert, inzwischen ist das ein paar Monate her. Dann triffst du ihn zufällig wieder. Denkst du jetzt die gleichen Gedanken wie damals, fühlst du dich erneut schlecht, und zwar du, nicht er. Das kannst du auf jeden Menschen übertragen, der sich dir gegenüber einmal schlecht verhalten hat.
Was sind in diesem Beispiel die Fakten? Er hat dich betrogen, nicht mehr und nicht weniger. „Er ist toxisch“ ist dagegen bereits eine Geschichte. Genauer klingt es so: „Er hat mich betrogen, und jetzt denke ich wieder die Gedanken von damals.“ Das klingt unspektakulär, doch es macht dir klar, dass es in deiner Hand liegt, wie du dich fühlst. Wenn du die Fakten erkennst, statt in eine Geschichte abzutauchen, siehst du Menschen so, wie sie gerade sind, auch den, der dich betrogen hat.
Vielleicht hält dein Ego dagegen: „Ja, aber er hat sich noch nicht entschuldigt, natürlich bin ich noch sauer!“ Was tust du aber, wenn diese Entschuldigung nie kommt? Bleibst du dann für immer im Groll? Die einzige Person, die dann dauerhaft im Leid ist, bist du, sobald du deine Gedanken unbewusst abschweifen lässt, nicht die andere Person. Es geht dabei nicht darum, alles zu vergessen oder zu behaupten, es sei nicht so schlimm gewesen. Du nimmst aus der Situation mit, was sie dir gezeigt hat, siehst die Fakten ohne Geschichte und ziehst deine Schlüsse. Mit der Geschichte selbst musst du dich aber nicht weiter belasten, wenn sie dir nur schadet.
Wenn du so auf die Menschen in deinem Umfeld schaust, entscheidest du über Abstand aus einer Position der Macht und nicht aus der Angst vor ihrem Gift. Du kannst ihnen dann so begegnen, wie sie sind, ohne dir selbst gegenüber destruktiv zu sein. Und sobald du die Worte, mit denen du über sie sprichst, dienlicher wählst, merkst du sehr schnell, wie sich mehr Ruhe, Klarheit und selbstbewusste Stärke in dir breitmachen.
Häufige Fragen
Was kann man gegen toxisches Verhalten tun?
Nenne es zuerst so, wie es ist, nämlich destruktives Verhalten. Dann frag dich, was in der Situation tatsächlich passiert ist, was du also beobachten oder messen kannst, und was du dazuerzählst. Ziehst du dich zurück, dann, ohne dem anderen mehr Macht zuzuschreiben als dir selbst.
Was kann ich gegen Energievampire tun?
Fang bei dir selbst an, denn Energievampire gibt es nicht. Deine Energie verlierst du, wenn du die destruktiven Gedanken eines anderen übernimmst und weiterdenkst. Trainiere deshalb, deine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was du wirklich willst, und sorge zusätzlich für ein Umfeld, das dich aufbaut.
Soll ich den Kontakt zu toxischen Menschen abbrechen?
Ja, wenn jemand durchgehend destruktiv ist, solltest du ihn ganz meiden. Prüf aber, aus welchem Grund du gehst. Brichst du den Kontakt ab, weil du den anderen für giftig und dich für machtlos hältst, nimmst du genau diese Haltung in jede neue Situation mit, und das Weglaufen beginnt von vorn.