Warum Prokrastination kein Wissensproblem ist
Veröffentlicht am von Jens Heuchemer · 6 Min. Lesezeit
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Kurz gesagt
Prokrastination heißt, Dinge aufzuschieben, auch solche, die dir guttun, etwa Sport, gesundes Essen oder Schlaf. Dabei fehlt dir weder Wissen noch Disziplin als Härte, sondern es fehlen bestimmte Gedanken über dich, die das Handeln tragen. Statt also gegen dich und eine Prokrastination / Unlust anzukämpfen, gehe einen Weg der mentalen Erhabenheit. Werde dir bewusst, welche Gedanken dieses Gefühl hervorrufen, wähle bewusst andere Gedanken und gehe mit deutlich mehr Leichtigkeit in die Umsetzung.
Antwort von Jens Heuchemer zum Buch ‚Mentale Stärke und Resilienz‘
Das Wichtigste in Kürze
- Ob jemand als diszipliniert gilt, hängt davon ab, von welcher Seite man auf sein Handeln schaut.
- Keiner der Schritte zum Training ist schwer; körperliche Anstrengung und mentaler Widerstand sind zweierlei.
- Wer sich als Läufer sieht, braucht für das Laufen keine Disziplin, weil es für ihn normal ist.
- „Tu es einfach“ hilft vielen, die ständig aufschieben; wer seine Gedanken schon steuern kann, richtet sich zuerst aus.
- Fällt das Ausrichten nach einer kurzen Nacht schwerer, ist das ein vorübergehender Zustand und kein Grund für Härte gegen dich.
Wenn du ganz ehrlich zu dir bist, weißt du längst, was dir guttut und was nicht. Dir ist klar, dass eine Käsepizza deinem Körper weniger bringt als ein frischer Salat mit etwas Proteinreichem dazu. Du weißt, wie viel Wasser du je nach Körpergröße trinken solltest, wie viel Schlaf du brauchst und dass dir Sport und frische Luft guttun. Ich muss dir nicht erklären, was gut für dich ist.
Bleibt also eine Frage, und die stelle ich dir ganz direkt: Wenn du doch weißt, was gut für dich ist, warum tust du es dann nicht? Diese Art von Prokrastination, bei der du ausgerechnet das aufschiebst, was dir guttut, ist kein Wissensproblem. Am Wissen fehlt es dir ja offensichtlich nicht.
Du weißt, was dir guttut, also liegt es an deinen Gedanken
Woran liegt es dann? Die Antwort liegt in deinen Gedanken, also in der Art, wie du über dich und über diese Dinge denkst. Dass eine richtig große Pizza schneller ein „Hell Yeah“ auslöst als ein Salat, kann ich mir gut vorstellen. Die Frage ist nur, was du damit machst. So wie auch mit dem Gedanken, heute wieder nicht zum Sport zu gehen. Bist du mental schwach, triffst du damit aktiv eine Entscheidung gegen dein eigenes Wohl und das deines Körpers.
Bitte versteh mich dabei nicht falsch, auch ich esse mal Pizza, trinke mal Alkohol oder gehe an manchen Tagen nur 300 Schritte durchs Haus. Bei diesen kleinen täglichen Dingen musst du nicht alles perfekt machen. Entscheidend ist das lange Spiel, und das gewinnst du im Verstand.
Viele belohnen sich sogar mit etwas, das ihrem Körper nicht guttut, und wie seltsam das ist, zeigt ein bewusst überzogenes Beispiel: Jemand geht jeden Abend nach einem harten Arbeitstag zu einer Person, die ihm mit voller Kraft ins Gesicht schlägt, und sagt, er belohne sich damit. Auch wenn es für mich, dich und die meisten anderen Menschen absolut abstrakt wirkt, so hat dieser Mensch aber in seiner Realität recht. Im Grunde ist es aber genauso wie alle, die sich mit etwas Ungesundem belohnen. Von außen wirkt diese Aussage aber ziemlich wahnsinnig, oder? Es geht also nicht um Verzicht, sondern darum, ob du dich bewusst für die Pizza entscheidest oder einem unbewussten Zwang folgst.
Lass uns zuerst sagen, was Disziplin nicht ist
Damit sind wir bei dem Wort, mit dem die meisten erklären, warum sie es trotzdem nicht tun: Disziplin. Für viele ist es ein K.-o.-Wort, weil sie darin etwas Schweres sehen, so wie man es von denen hört, die etwas mit viel Kampf und Anstrengung aufgebaut haben. Lass uns deshalb zuerst sagen, was Disziplin nicht ist, nämlich nichts, was schwer oder hart ist.
Denn Disziplin ist in erster Linie nichts weiter als die Geisteshaltung hinter einem bestimmten kontinuierlichen Handeln.
Außerdem hängt Disziplin davon ab, von welcher Seite du dieses Handeln betrachtest.
Warum heißt es dann, Disziplin für den Sport sei so schwer aufzubauen? Ist es schwer, die Sporttasche zu packen, ins Auto zu steigen und dich im Studio umzuziehen? Nichts davon ist schwer. Die Gewichte zu bewegen ist körperlich anstrengend, mental aber nur dann, wenn du dich dafür entscheidest. Körperliche Anstrengung und mentaler Widerstand sind nämlich zwei verschiedene Dinge, und den Widerstand kannst du von einem Moment auf den nächsten ablegen.
Dass es vielen so schwerfällt, diszipliniert zu sein, liegt daran, dass sie mental schwach sind. Mentale Schwäche bedeutet hier schlichtweg, dass sie in dem Moment nicht ihre Gedanken unter Kontrolle halten konnten, die ihnen dienen. Denn eine grundlegende Geisteshaltung ist nichts weiter als eine Ansammlung von Gedanken, die du fokussiert aufrechterhältst. Hältst du sie nicht, driftest du ins Unbewusste ab, und Gedanken des Widerstands übernehmen das Ruder.

Raucher rauchen, weil sie Raucher sind
Welche Gedanken das sind, zeigt Dan Lok in einem TED-Talk ganz simpel. Raucher rauchen, weil sie in ihrem Selbstbild Raucher sind, und Läufer stehen morgens um sechs zum Laufen auf, weil sie sich in ihrem Selbstbild als Läufer sehen. Ein Selbstbild ist für mich nichts weiter als eine Auswahl an Gedanken, die wir immer wieder fokussiert über uns selbst denken.
Braucht ein Raucher Disziplin, um 20 Zigaretten am Tag zu rauchen? Nein, für ihn ist das vollkommen normal. Genauso brauche ich keine Disziplin, um mehr zu arbeiten als die meisten, denn auch das ist für mich normal. Meine Gedanken über mich selbst ergeben meine Kontinuität.
Wer nicht diszipliniert ist, erzählt sich also eine Geschichte über sich, die als logische Konsequenz einen anderen Ausgang erschafft, meist einen voller Widerstand gegen genau die Handlung, die zum Ziel führen würde. Wenn du wieder nicht zum Sport gehst, liegt das deshalb nicht an fehlender Härte, sondern an der Geschichte, die du dir über dich erzählst.
Tu es einfach? Richte dich aus, bevor du handelst
Wenn Gedanken des Widerstands dich vom Handeln abhalten, liegt der bekannteste Rat gegen Prokrastination nahe, diese Gedanken einfach zu übergehen. Dazu gibt es Sprüche wie „Tu es einfach, auch wenn du dich nicht danach fühlst!“ oder „Sei stärker als deine stärkste Ausrede!“, samt dem inneren Schweinehund, den du überwinden sollst.
Ich glaube tatsächlich, dass dieser Weg vielen Menschen hilft. Wer ständig vor sich hin prokrastiniert, gewinnt durch das Handeln ein Gefühl von Macht und Selbstbestimmung zurück und sieht auch Ergebnisse. Die Wortwahl finde ich trotzdem schrecklich, weil die Grundphilosophie dich auffordert, Dinge gegen dein Gefühl zu tun, und dich damit in einen Kampf mit dir selbst schickt.
Wenn du schon merkst, dass du deine Gedanken gut steuern kannst, gebe ich dir deshalb einen anderen Ansatz mit. Im Englischen heißt er „Align before you act“, auf Deutsch „Richte dich aus, bevor du handelst“. Denn wer gegen sich selbst ankämpft, hat diesen Kampf vorher selbst erschaffen und rechtfertigt danach, dass er ihn führen musste.
Man könnte sagen, dass innere Kämpfe die logische Konsequenz von mentaler Schwäche sind!
Montagmorgen, Sport, keine Lust
Nehmen wir an, du hast dir vorgenommen, am Montagmorgen zum Sport zu gehen, und fühlst dich nicht danach. Statt trotzdem zu gehen, um dir zu beweisen, dass du keine Ausreden zulässt, holst du dir zuerst Klarheit. Nur weil du etwas fühlst, sagt das faktisch nichts aus. Es bedeutet lediglich, dass du gerade im Widerstand zum Sport bist und die Lage bewertest.
Anstatt gegen das Gefühl anzukämpfen, suchst du deshalb Gedanken, bei denen gar nicht erst Widerstand entsteht, und richtest den Fokus deiner Gedanken auf das, was du letztendlich willst. Setz dich dafür drei oder vier Minuten hin und denk dich Schritt für Schritt zu solchen Gedanken hoch. Wenn du es schaffst, deine Gedanken dienlich aufeinander aufzubauen, ist der Widerstand, gegen den du eben noch kämpfen wolltest, nicht mehr da, und du gehst los.
Randnotiz: An manchen Tagen, wie etwa nach nur zwei Stunden Schlaf, ist es herausfordernder, solche Gedanken zu finden, als an anderen Tagen. Sei besonders dann nicht zu hart zu dir, denn das ist ein vorübergehender Zustand.
Vielleicht fragst du dich jetzt, ob du so überhaupt noch ins Handeln kommst. Am Anfang kann es tatsächlich unkomfortabel sein, nicht sofort loszulegen. Zu glauben, man komme nicht in die Umsetzung, wenn man zuerst in die Klarheit kommt, ist trotzdem absoluter Quatsch, denn du kannst sogar mehr tun, weil du dich nicht ständig selbst ausbremst. Das Ausrichten dauert zu Beginn länger und darf trainiert werden, so wie du auch den Kampf mit dir selbst im Laufe der Zeit trainiert hast. Doch genau so übst du, dass es schon bald in wenigen Momenten gelingt.
Die Frage, ob dir Disziplin fehlt, wird damit zu einer anderen, nämlich welche Gedanken du über dich und über das denkst, was dir guttut. Deine Kontinuität folgt dann aus deinem Selbstbild, statt jeden Morgen neu erkämpft zu werden. Und weil du den Widerstand selbst erschaffst, kannst du ihn auflösen, bevor du handelst. So entscheidest du in Freiheit, was du willst, und nicht mehr, was du zu brauchen glaubst.
Häufige Fragen
Was ist der Grund für Prokrastination?
Prokrastination bei dem, was dir guttut, kommt nicht aus fehlendem Wissen, sondern aus deinen Gedanken über dich und die Sache. Hältst du die Gedanken, die dein Handeln tragen, nicht aufrecht, übernehmen Gedanken des Widerstands. Dahinter steht meist eine Geschichte über dich, die einen anderen Ausgang erschafft als den, den du dir wünschst.
Wie überwindet man Prokrastination?
Wenn du ständig prokrastinierst, hilft dir zunächst das Handeln selbst, auch ohne Lust, weil es dir ein Gefühl von Selbstbestimmung zurückgibt. Kannst du deine Gedanken schon gut steuern, richtest du dich vorher aus. Du machst dir klar, dass dein Gefühl nichts Faktisches sagt, nimmst dir drei oder vier Minuten für Gedanken ohne Widerstand und handelst dann.
Wie bringt man sich Disziplin bei?
Indem du die Gedanken über dich und über die Handlung trainierst, denn Disziplin ist eine Geisteshaltung und keine Frage der Härte. Sie folgt aus deinem Selbstbild, also aus dem, was du immer wieder über dich denkst. Gib dir dafür Zeit, denn auch der alte Widerstand wurde über lange Zeit trainiert.
Warum fällt es Menschen schwer, gesunde Gewohnheiten umzusetzen, obwohl sie wissen, was zu tun ist?
Weil nicht das Wissen entscheidet, sondern was du mit dem Gedanken machst, wieder nicht zum Sport zu gehen. Es geht dabei nicht um Perfektion an jedem einzelnen Tag, sondern um das lange Spiel im Verstand. Das gilt auch für die Pizza: Du darfst sie essen, solange du dich bewusst dafür entscheidest und nicht einem unbewussten Zwang folgst.