Woher deine Überforderung kommt, auch wenn im Außen alles läuft
Veröffentlicht am von Jens Heuchemer · 5 Min. Lesezeit
Inhalt5 Abschnitte

Kurz gesagt
Überforderung ist das Gefühl, dass mehr von dir verlangt wird, als du glaubst, geben zu können. Es entsteht oft nicht aus deinen Aufgaben, sondern aus der Geschichte, die du über sie denkst, etwa dass alles sofort erledigt sein muss. Die Frage „Was sind hier die Fakten?“ trennt beides voneinander.
Antwort von Jens Heuchemer zum Buch ‚Mentale Stärke und Resilienz‘
Das Wichtigste in Kürze
- Fakten haben keine Emotionen, sie sind messbar und lassen sich nicht diskutieren.
- Eine Geschichte entsteht, sobald ein Reiz von außen kommt, und wir in dem Moment durch Unbewusstheit keine Fakten sehen können.
- Mehrere Projekte mit hoher Priorität bedeuten noch kein Chaos; dieses entsteht nur, wenn du die Geschichten betrachtest, anstelle der Fakten.
- Mit Übung wird die Prüfung der Fakten zu einer Fähigkeit, die ohne Nachdenken läuft.
Eine Situation, als ich zusätzlich damals noch Businesscoachings gegeben hatte: Eine Coachingklientin hatte gerade ihren ersten 10.000-Euro-Monat geschafft und dafür von mir den 10k-Award bekommen. Beim Aufbau ihres Business schien alles mehr als gut zu laufen. Dann kamen plötzlich viele Projekte zusammen, die einiges an Zeit brauchten und dazu eine hohe Priorität hatten, und es wurde ihr etwas zu viel. Unser Gespräch begann sie mit den Worten: „Jens, bei mir ist gerade Chaos!“
Vielleicht kennst du genau diese Art von Überforderung. Von außen betrachtet läuft eigentlich alles, und trotzdem fühlt es sich an, als hättest du Chaos im Kopf. Aber die Frage, die wir uns hier stellen müssen, lautet: Liegt dieses Chaos dann wirklich in den Aufgaben?
Fakten haben keine Emotionen
Um diese Frage zu beantworten, brauchen wir eine Unterscheidung, die viele Menschen verlernt haben. Die Reize, die von außen auf dich treffen, musst du aufsplitten. Solange du sie zusammenwirfst wie die Zutaten eines grünen Smoothies, kannst du deine eigene Realität nie vollends bewusst kreieren. Und das Aufsplitten beginnt damit, dass du Fakten erkennst.
Was einen Fakt ausmacht, ist schnell gesagt, denn Fakten haben keine Emotionen und keine (Be-)Wertungen.
Es sind im Grunde empirisch messbare Dinge, die man nicht diskutieren kann.
Es sind 13 Grad Celsius. Das Haus ist 8,43 Meter hoch. Sie hat seit dem Date gestern nicht zurückgerufen. Über keinen dieser Sätze kannst du streiten, und keiner von ihnen legt fest, wie du dich dabei fühlst. Selbst ob dich der fehlende Rückruf kränkt oder kaltlässt, steht nicht im Fakt selbst.
Genau diese Unterscheidung haben meine Klientin und ich genutzt. Nachdem sie mir die Geschichten um all ihre Projekte einmal erzählt hatte, haben wir uns gemeinsam die Fakten in diesen Szenarien angeschaut. Binnen weniger Minuten war klar, dass weiterhin alles in Ordnung war. Die Projekte waren da, sie brauchten Zeit und waren wichtig, doch die Lage selbst war im Grunde geordnet.
Die Geschichte, dass alles jetzt direkt gemacht werden muss
Wenn die Fakten zeigten, dass alles in Ordnung war, woher kam dann das Gefühl von Chaos? Es kam aus einer Geschichte.
Eine Geschichte ist im Grunde nur ein Gedanke oder eine Ansammlung von Gedanken, und zwar die häufigste Art, die wir tagtäglich denken. Trotzdem lohnt es sich, sie gesondert zu betrachten. Geschichten erwecken in uns Emotionen und machen Dinge lebendiger. Deshalb können wir mit bloßen Fakten oft wenig anfangen. Sie wirken auf uns eher tot und unveränderbar, weil sie kaum Spielraum für unseren Einfluss lassen.
Ist dir schon einmal aufgefallen, wie schnell wir dabei sind, Geschichten zu kreieren? Ein Reiz kommt von außen, und schwupps bist du gedanklich in einem Szenario, das dir zeigt, wie es ausgehen könnte oder warum es passiert ist. Wir sind darin so trainiert, dass wir es den ganzen Tag ohne Unterlass tun, und die Fakten gehen in diesen Geschichten meist unter. Wenn wir unbewusst durch den Alltag trotten, ist der Raum zwischen Reiz und Reaktion so gering, dass wir der Geschichte direkt glauben.
Bei meiner Klientin ist genau das passiert. Sie hatte die Fakten nicht betrachtet, war unbewusst geworden und glaubte deshalb, dass alles jetzt direkt gemacht werden musste. Das Chaos und der Stress, die sie damit verband, kamen aus dieser Geschichte und nicht aus den Projekten.
Überforderung entsteht in deinem Denken, nicht im Außen
Für das Gefühl, das in so einer Lage entsteht, gibt es ein Wort: Überforderung. Der entscheidende Teil steckt dabei im Wort „glauben“. Überforderung bedeutet, dass mehr von dir gefordert wird, als du glaubst, geben zu können. Deshalb kommt sie nicht von den Dingen im Außen, sondern von der Art, wie du über diese Dinge nachdenkst und wie du sie wahrnimmst. Je mental stärker du bist, desto seltener bist du überfordert. Und wenn du über ein Thema die Kontrolle hast, kann dort im Grunde nichts mehr von dir gefordert werden, weil du selbst bestimmst, was du gibst.
Die Projekte auf deinem Tisch sind real. Entscheidend ist, was du über sie denkst und welche Geschichte du daraus machst.
Was sind hier die Fakten?
Damit sind wir bei dem einen Schritt, der Geschichte und Lage voneinander trennt. Es ist eine simple Frage, die du dir selbst immer wieder stellen darfst: „Was sind hier die Fakten?“ Stell sie dir jedes Mal, wenn du eine Geschichte hörst oder dir selbst eine erzählst. Lass die Geschichte ruhig einmal ganz heraus, so wie meine Klientin es im Gespräch getan hat, und such dann in jedem Szenario nach den Fakten.
In meinem Buch gehört diese Prüffrage zu vier Fragen aus der Creator Square Methode, die du über alles legen kannst, was dich gerade überfordert:
- Welche Emotion fühle ich gerade?
- Welcher Gedanke hat diese Emotion ausgelöst?
- Was ist hier die Geschichte?
- Was sind tatsächlich die Fakten?
Wahrscheinlich denkst du jetzt: „Wenn ich das bei jeder Geschichte mache, dauert das ja bis zu meinem Lebensende“, denn ich habe, wie jeder andere auch, unzählige Geschichten. Die Antwort darauf lautet ganz unspektakulär: Nein. Wenn du dich darin trainierst, wirst du besser, bis das Prüfen zu einer unbewussten Kompetenz wird.
Das ist die letzte von vier Stufen, die du beim Lernen durchläufst, von unbewusst inkompetent über bewusst inkompetent und bewusst kompetent bis zu unbewusst kompetent. Auf dieser letzten Stufe hast du etwas so verinnerlicht, dass es funktioniert, ohne dass du darüber nachdenkst. Denk an deine erste Fahrstunde, nach der Abdrücke deiner Fingernägel im Lenkrad waren. Heute wechselst du nebenbei den Radiosender, so entspannt, als würdest du auf der Couch liegen. Genauso legst du diese Fragen irgendwann wie von selbst über deine Überzeugungen.
Wenn du an diesem Punkt der automatischen Prüfung angekommen bist, kommt es dir wie Magie vor. Situationen, die sich faktisch nicht verändert haben, wirken plötzlich vollkommen anders auf dich. Sie kosten dich keine „Kraft“ mehr, sondern sind einfach so, wie sie sind. So einfach, wie wenn das Wasserglas, das beim Essen links statt rechts vom Teller steht… es ist dann einfach so. Du erkennst die Fakten und kannst, statt direkt zu reagieren, wählen, was du jetzt denkst und tust.

Häufige Fragen
Was kann ich tun, wenn ich mich ständig überfordert fühle?
Stell dir als Erstes die Frage, was hier die Fakten sind. Teile die Überforderung dann auf in die Gedanken, die Emotion, die diese Gedanken auslösen, die Geschichte dahinter und das, was tatsächlich messbar ist. So wird sichtbar, dass die Überforderung an der Art hängt, wie du über die Dinge im Außen denkst, und genau dort kannst du ansetzen.
Warum habe ich Chaos im Kopf, obwohl eigentlich alles gut läuft?
Weil aus einem Reiz sofort eine Geschichte wird, zum Beispiel die, dass alles jetzt direkt gemacht werden muss. In dieser Geschichte gehen die Fakten unter, und das Chaos fühlt sich echt an, obwohl die Lage geordnet ist. Schaust du dir die Fakten an, kann sich binnen weniger Minuten zeigen, dass weiterhin alles in Ordnung ist.
Wie kann ich Chaos im Kopf und Überforderung dauerhaft loswerden?
Indem du die Prüfung der Fakten so lange übst, bis sie zur unbewussten Kompetenz wird. Das dauert nicht bis zu deinem Lebensende, weil du mit jedem Mal besser wirst. Danach haben dieselben Lagen eine andere Wirkung auf dich, und zwischen Reiz und Reaktion bleibt dir der Raum, selbst zu wählen.
Warum fühlen sich mehrere Projekte gleichzeitig wie Überforderung an?
Weil zu den Projekten schnell die Annahme kommt, alles müsse sofort passieren, und diese Annahme erzeugt das Chaos, nicht die Projekte selbst. Viele Projekte mit Zeitbedarf und hoher Priorität sind zunächst einmal Fakten. Ob du dich überfordert fühlst, hängt an der Art, wie du über sie denkst.