Was dich mitten in der Veränderung zurück in die Komfortzone zieht
Veröffentlicht am von Jens Heuchemer · 6 Min. Lesezeit
Inhalt6 Abschnitte

Kurz gesagt
Die Komfortzone ist das Bekannte, das sich sicher anfühlt, weil deine Sicherheit an Job, Wohnung, Beziehung oder deinem Selbstbild hängt. Mitten in der Veränderung zieht sie dich zurück, wenn die alte Sicherheit weg ist, die neue fehlt und du gegen diese Lücke ankämpfst. Dann hilft es, Ungewissheit anzunehmen und deine Routinen weiterzuführen.
Antwort von Jens Heuchemer zum Buch ‚Mentale Stärke und Resilienz‘
Das Wichtigste in Kürze
- Wer sich gegen Veränderung wehrt, wehrt sich gegen das Leben selbst und gegen die Möglichkeiten, die es bereithält.
- Was im Außen liegt, kann wegfallen; Sicherheit, die dich durch eine Veränderung trägt, entsteht in dir.
- Die Unruhe mitten in der Veränderung ist ein Kontrast und zeigt dir, woran du als Nächstes arbeitest.
- Bist du unglücklich und gehst trotzdem ins Alte zurück, ist das keine bloße Vorsicht, sondern eine Entscheidung, für die du die Verantwortung tragen musst.
Du hast, wie man so schön sagt, deine Komfortzone verlassen und etwas Neues angefangen, vielleicht in deinem Job, an deinem Wohnort oder in deiner Beziehung. Das Alte ist weg, das Neue ist noch nicht so, wie du es dir komplett vorgestellt hast, und genau jetzt spürst du diesen Zug zurück ins Bekannte.
Es gibt einen Spruch, den ich nur sinngemäß wiedergeben kann: Wer das offene Meer überqueren will, muss bereit sein, das Ufer aus dem Blick zu verlieren. Genau dann, wenn die Küste verschwindet, drehen die meisten um und fahren zurück.
Viele nennen das den Rückfall in die Komfortzone, manche auch Selbstsabotage oder schlicht Angst vor Veränderung. Kennst du diesen Moment, in dem du mitten auf dem Wasser plötzlich nur noch zurückwillst?
Warum sich das Gewohnte so gut anfühlt
Warum zieht uns das Bekannte überhaupt so an? Leben bedeutet ständige Veränderung, auch du stehst nie wirklich still. In meinem Buch stelle ich dazu eine Frage:
Wenn das Leben selbst ständige Veränderung ist und wir uns aber insgeheim gegen diese Veränderung wehren, verwehren wir uns dann nicht automatisch dem Leben selbst und dem, was es für uns an Möglichkeiten bereithält?
Jetzt sagt vielleicht ein Teil in dir: „Ja, Jens, aber ich will doch einfach behalten, was ich habe.“ Das verstehe ich, denn das Gewohnte gibt dir Sicherheit, und auf das, was über längere Zeit gleich bleibt, kannst du bauen.
Diese Sicherheit hängt auch an deinem Selbstbild. Dein Ego erzählt dir Geschichten darüber, wer du scheinbar bist, etwa die vom Menschen mit dem Job, dem Titel oder der Beziehung. Solche Geschichten werden zu Identifikationen, und dein Ego baut unzählige davon auf, um daraus ein falsches Selbst zu errichten. Weil dein Selbstbild fast immer unbewusst aus diesen Identifikationen entsteht, hängt es stets an etwas aus deiner Vergangenheit, und alles Neue ist ungewiss. Rein faktisch ist eine Veränderung deshalb das Ende einer Identifikation, und dein Ego fürchtet sich natürlich, seine geliebten Identifikationen zu verlieren.
Worauf baust du deine Sicherheit?
Wenn das Gewohnte dir Sicherheit gibt, dann frag dich ehrlich, woraus diese Sicherheit besteht. Ist es dein Job, deine Beziehung, dein Hab und Gut oder dein Kontostand? Oder ist es eine Sicherheit, die direkt aus dir herauskommt?
Das macht einen großen Unterschied, denn alles, was im Außen liegt, ist vorübergehend. Wer seine Sicherheit nur auf solche Dinge baut, lebt deshalb immer in einer Form von Angst um sie.
Natürlich ist es menschlich, sich auf äußere Strukturen zu verlassen. Entscheidend ist aber, dass die Sicherheit im Außen nur die logische Konsequenz der Sicherheit ist, die du in dir selbst findest. Dann wird alles Äußere zu einer Zusatzsicherheit, zu einem Spiegel dessen, was du innen schon aufgebaut hast. Fällt ein Baustein weg, darfst du kurz seufzen, doch danach blickst du nach vorn, weil du weißt, dass du auch damit zurechtkommen wirst.

Was „in der Schwebe“ eigentlich bedeutet
Was passiert aber, wenn die Sicherheit im Außen wegfällt, bevor eine neue da ist? Ziehst du in eine Stadt, die du schon gut kennst, wirst du kaum nervös. Bei einem Umzug in ein Land, in dem man noch nie war und dessen Sprache man nicht spricht, fühlen sich dagegen viele verloren und aufgewühlt. Sie sagen dann: „Ich bin gerade so in der Schwebe.“
Lass uns diesen Ausdruck wörtlich nehmen. Was soll „in der Schwebe“ bedeuten? Die alte Sicherheit im Außen ist weg und eine neue ist noch nicht da. Du hast keinen festen Grund unter den Füßen, weil du die Sicherheit aus dir selbst heraus noch nicht geschaffen hast. Dein Aufgewühltsein sagt dir also etwas über dich, nämlich dass du bisher viel Sicherheit im Außen gesucht hast.
In meinem Buch nenne ich so einen Wegfall einen Kontrast. Wo Buddha von Schmerz spricht, nehme ich lieber dieses Wort, weil Schmerz sofort negativ klingt. Ein Kontrast ist neutral wie ein schwarzer Strich auf einem weißen Blatt. Auch dein Aufgewühltsein ist so ein Kontrast, und daran ist nichts Schlimmes. Leiden entsteht erst durch den Widerstand, den du gegen ihn aufbaust. Ohne diesen Widerstand erkennst du am Kontrast selbst, was du letztendlich willst und was nicht.
Deshalb ist ein solcher Wegfall ein Geschenk. Vielleicht merkst du dadurch, dass du von genau dieser Sicherheit abhängig warst oder dass dich die alte Situation mehr belastet hat, als dir bewusst war. So zeigt dir das Gefühl in der Schwebe, wo du als Nächstes ansetzen darfst.
Warum wir umdrehen und was der Frieden mit dem Nichtwissen ändert
In der Schwebe entscheidet sich, ob du weitergehst oder umkehrst. Was passiert in diesem Moment in deinem Kopf? Wir sind darauf trainiert, alles vorher wissen zu wollen. In der Schwebe fehlen uns aber die Daten, um die Gleichung im Kopf zu lösen, und wir rechnen mit lauter Unbekannten.
Bist du damit nicht im Frieden, stehst du im Widerstand gegen diesen Zustand und damit gegen die Veränderung selbst. Dann malst du dir aus, was alles schiefgehen kann. Weil du nicht weißt, ob deine Gedanken und Handlungen noch so wirken wie vorher, fühlst du dich ohnmächtig. Schließlich beginnst du, dich selbst zu sabotieren, und kehrst zurück, denn das Bekannte ist uns lieber, auch wenn es uns nicht dient. Allerdings gilt das nur, solange wir aus der Angst heraus handeln und unsere Sicherheit nicht aus uns selbst schaffen.
Vielleicht kommt jetzt der Einwand: „Ja, Jens, wir Menschen sind eben grundlegend pessimistisch.“ Evolutionär verstehe ich das, denn früher war Vorsicht überlebenswichtig. Heute zwingt dich aber niemand, dir ständig das Schlimmste auszumalen, und du kannst deine Energie genauso gut auf das richten, was gut gehen kann. Und wie oft war es am Ende wirklich so schlimm, wie du befürchtet hattest?
Ich habe es dazu eigentlich noch nie erlebt und wirklich nur selten von anderen gehört, dass Dinge tatsächlich schlimmer waren als befürchtet.
Wir sind nämlich verdammt fähig, fähiger, als unsere Bilder von der Zukunft uns glauben lassen.
Bist du in einem Lebensbereich unglücklich und gehst trotzdem nicht in die Veränderung, ist das mehr als Vorsicht. Du triffst damit aktiv die Entscheidung, dass alles beim Alten bleibt. Darin liegt deine Verantwortung und genau darin auch deine Macht, denn wer sich für das "Bleiben" entscheidet, kann sich ebenso "anders" entscheiden.
Weil das Umkehren aus dem Widerstand gegen das Nichtwissen stammt, steht am Anfang eine Haltung, um dem entgegenzuwirken: Schließ bewusst Frieden damit, dass du gerade keine Ahnung hast, wie es weitergeht.
Gerade jetzt die Routinen halten
Zum Frieden mit dem Nichtwissen kommt etwas ganz Praktisches. In der Schwebe hast du schnell das Gefühl, keine Macht mehr über dein Leben zu haben.
Was solltest du in dieser Phase machen bzw. worauf besonders achten? Gerade dann solltest du die Routinen weiter durchziehen, die du schon hast. Z.B. etwa drei- oder viermal pro Woche Sport, jeden Tag eine Viertelstunde Meditation oder dreimal pro Woche ein Journal, um deine Gedanken zu ordnen.
Viele machen in dieser Phase das Gegenteil. Sie lassen alle Routinen sausen, weil sie glauben, die Zeit jetzt für die Suche nach einer neuen Sicherheit im Außen zu brauchen. Das geschieht aus Panik. Dabei liegen gerade diese Routinen in deinem Einflussbereich, und wer sie immer wieder ausführt, bleibt handlungsfähig und führt sich selbst zurück in seine Machtposition. Deshalb sind sie in diesem Moment so wichtig.
Welche Routine hast du beim letzten Mal als Erste fallen lassen?
Der Zug zurück ist damit kein Rätsel mehr. Er zeigt dir, wo deine Sicherheit gebaut war, und damit, wo du sie künftig aus dir selbst aufbaust. Bist du schon einmal umgekehrt, war auch das eine Entscheidung, und die kannst du beim nächsten Mal anders treffen. Mit dem Nichtwissen im Frieden und mit deinen Routinen bleibst du handlungsfähig, auch wenn die Küste längst verschwunden ist, und das Bekannte wird zu einer Möglichkeit, für die du dich nicht mehr entscheiden musst.
Häufige Fragen
Warum hat der Mensch Angst vor Veränderung?
Weil jede Veränderung eine Geschichte darüber beendet, wer du bist, und dein Ego diese Identifikationen nicht verlieren will. Dein Selbstbild ist an die Vergangenheit geheftet, und Neues bedeutet unbekanntes Terrain. Wer seine Sicherheit außerdem nur aus äußeren Dingen zieht, die alle wegfallen können, trägt diese Angst dauernd mit sich.
Was passiert, wenn man die Komfortzone verlässt?
Man kommt in eine Phase, in der die alte Sicherheit nicht mehr trägt und eine neue noch fehlt. Viele fühlen sich dann unruhig, verloren oder einfach nicht mehr sicher. Genau dieses Gefühl ist wertvoll, weil es dir zeigt, dass du noch mehr Sicherheit aus dir selbst heraus schaffen darfst.
Warum halte ich am Alten fest, obwohl es mir nicht guttut?
Weil dir das Vertraute lieber ist als das Unbekannte, allerdings nur, solange du aus der Angst heraus entscheidest. Hältst du an einer Lage fest, die dir missfällt, triffst du damit eine Wahl, nämlich die, dass sich nichts ändert. Sobald dir das bewusst ist, kannst du genauso gut die andere Wahl treffen.
Wie kann ich eine Veränderung durchhalten, wenn ich mittendrin wanke?
Indem du aufhörst, gegen die Ungewissheit anzukämpfen, und deine gewohnten Abläufe weiterführst. Akzeptiere, dass dir gerade Informationen fehlen, um alles vorher zu durchschauen. Was du ohnehin regelmäßig für dich tust, liegt weiter in deiner Hand und hält dich in der Handlung, statt dass du aus Panik alles fallen lässt.