Wie du aus deiner Wut herausliest, was nicht stimmt und welche Grenze überschritten wurde

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Inhalt6 Abschnitte
Ablauf aus drei Karten: Wut führt zur Nachricht, und die Nachricht führt zum Nachjustieren.

Kurz gesagt

Wut ist eine Nachricht, kein Beweis: Sie aktiviert deine Energie, setzt Grenzen, holt dich aus Ohnmacht und Passivität und meldet, dass etwas nicht stimmt. Wer sie runterschluckt oder sich über sie ärgert, verliert genau diese Nachricht. Fragst du dich, warum du gerade wütend bist, erkennst du, wo du nachjustieren musst.

Antwort von Jens Heuchemer zum Buch ‚Mentale Stärke und Resilienz‘

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Gefühl ist noch keine Wahrheit, aber es führt dich zu dem Gedanken, der es ausgelöst hat.
  • Wer sich über die eigene Wut ärgert und sie gleichzeitig unterdrückt, wählt die ungünstigste aller Varianten.
  • Auf der Gedankenleiter liegt Wut über Ohnmacht und Schuldzuweisung; danach kannst du wieder klarer denken.
  • Wut taugt zum Abspringen, nicht zum Aufbauen und nicht zum Festhalten.
  • Du kannst Wut voll fühlen und trotzdem anders handeln, als sie dir nahelegt.
89. Was dir deine Emotionen wirklich sagen. · Auf YouTube ansehenBeim Abspielen überträgt YouTube (Google) Daten, es gelten deren Datenschutzhinweise und unsere Datenschutzerklärung.

Kennst du diesen Moment? Irgendetwas passiert, und in dir steigt Wut hoch. Noch bevor sie richtig angekommen ist, schiebt sich schon der nächste Gedanke hinterher: „Oh Mann, jetzt bin ich schon wieder wütend. Das regt mich auf.“ Du ärgerst dich also über deinen eigenen Ärger, weil dieses Gefühl in deinen Augen nicht sein sollte. Es sollte anders sein, und du solltest dich gar nicht erst so fühlen.

So gehen die meisten Menschen mit ihrer Wut um. Dabei lohnt sich eine ganz andere Frage: Was will dir deine Wut eigentlich sagen? Und was geht dir verloren, wenn du sie einfach wegdrückst, statt sie zuzulassen?

Ein Gefühl ist ein Bote, kein Beweis

Für die Antwort hilft zuerst ein Blick darauf, wie ein Gefühl überhaupt entsteht. Im Alltag bemerken die meisten zuerst ihre Emotionen, weil diese im Körper spürbar sind. Der Auslöser sind aber die Gedanken davor, und die laufen meist unbewusst ab.

Dazu kommt, dass viele ihr Gefühl auf die Goldwaage legen und schließen: „Ich fühle es, also muss es wahr sein.“ Doch nur weil du etwas fühlst, bedeutet es nicht, dass es wahr ist… auch wenn unser Ego uns immer gerne davon überzeugen will. Es heißt lediglich, dass du etwas fühlst, nicht mehr und nicht weniger. Wirklich wahr sind Fakten, alles andere sind Geschichten, und auf solchen Geschichten beruhen die meisten Gedanken und Emotionen.

Heißt das, dein Gefühl ist wertlos? Nein, denn eine Emotion ist kein Beweis, aber ein Informationsträger. Sie gibt dir die Möglichkeit, etwas zu verstehen, weil du von ihr aus zu dem Gedanken zurückfindest, der sie ausgelöst hat, und dabei Klarheit gewinnst. Im Buch beschreibe ich Emotionen in diesem Sinn als Wegweiser.

Deine Emotionen sind lediglich die erlebbaren Wegweiser, die dir aufzeigen, ob du gerade Gedanken denkst, die dich weiter zu deinem Ziel bringen oder nicht.

Was du mit diesem Wegweiser machst, liegt bei dir. Du kannst mit einer Emotion arbeiten, sie wirken lassen, sie bewerten, ihr Widerstand leisten oder sie wegdrängen, und genau dieses Wegdrängen tun sehr viele.

Was deine Wut tut: Energie, Grenze, Signal

Wenn jede Emotion eine Information trägt, welche trägt dann die Wut? Vorweg eine Einschränkung, denn solche Grundfunktionen stimmen nicht immer zu hundert Prozent, weil jeder seine Lage anders wahrnimmt und interpretiert. Trotzdem lässt sich bei einzelnen Emotionen festmachen, wofür sie grundsätzlich da sind.

Wut aktiviert deine Energie und setzt Grenzen. Sie holt dich aus der Passivität in die Handlung und meldet dir, dass hier etwas nicht stimmt.

Die Sache mit den Grenzen ist dabei genauer gemeint, als es auf den ersten Blick klingt. Wut setzt Grenzen, wenn jemand sie überschritten hat, obwohl du sie vorher klar aufgezeigt und ausgesprochen hast. Deine Wut kann dir also zeigen, wo eine Grenze überschritten wurde.

Wut holt dich aus der Ohnmacht, aber sie trägt dich nicht

Wenn die Wut dich aus der Passivität holt, stellt sich die Frage, woraus genau. Hast du vorher Angst, Ohnmacht oder eine richtig erdrückende Stimmung gefühlt, dann ist Wut eine Art Befreiungsschlag. Sie hilft dir, aus dir herauszukommen und wieder in deine eigene Kraft zu finden. Zum Aufbauen taugt sie allerdings nicht.

In meinem Buch zeige ich diesen Schritt auf einer Leiter. Jede Sprosse steht für einen Gedanken, der ein bestimmtes Gefühl hervorruft, und ist in der Regel von der vorherigen Sprosse aus recht einfach zu erreichen. Auf die Ohnmacht folgt die Schuldzuweisung, und erst danach kommt die Wut. Dabei hat sie zwei Seiten.

Und ja, Wut ist sehr destruktiv, wenn man sie lange aufrechterhält. Doch sie ist auch gut, um aus sich herauszukommen.

Sie bringt dich aus einer Haltung heraus, in der du dich nur noch klein machst und jammerst, und lässt dich nach außen gehen. Erinnerst du dich an das befreiende Gefühl, wenn sie einmal raus war und die Anspannung in dir nachgelassen hat? Weil die Enge weg ist, kannst du wieder klarer denken, und der Blick liegt mehr auf der Sache als auf dir.

Deshalb zählt Wut zu den Sprungbrettemotionen. Sie kann dich einige Ebenen nach oben befördern, weil du mit ihr in den Ausdruck gehst. Ein Sprungbrett ist allerdings zum Abspringen da. Wer auf der Wut stehen bleibt und sie lange festhält, bekommt genau ihre destruktive Seite zu spüren.

Leiter mit drei Sprossen Ohnmacht, Wut in Orange und Dienlichere Emotionen, ein Bogenpfeil führt von der Wut nach oben.
Wut holt dich aus der Ohnmacht und dient als Sprungbrett hinauf zu dienlicheren Emotionen.

Was dich der Widerstand gegen deine Wut kostet

Wenn die Wut dir so viel mitteilt und dich obendrein aus der Ohnmacht führt, wird klar, was fehlt, sobald du dich gegen sie stellst. Die meisten sind im Widerstand zu ihrer Wut, ärgern sich über sie und bewerten sie als etwas, das nicht gut ist, oder sie unterdrücken sie. Viele machen sogar beides zugleich, und das ist die schlimmste Variante von allen.

Dahinter steht dieselbe Stimme wie in dem Moment vom Anfang: „Es sollte nicht so sein, es sollte anders sein.“ Solange du in diesem Widerstand steckst, kannst du nicht erfahren, was dir die Wut sagen will. Dir entgehen die Klarheit, das Wissen und das Verständnis, die du aus ihr ziehen könntest. Was du verlierst, ist also die Nachricht selbst und mit ihr der Weg zurück in die Kontrolle.

Frag deine Wut: Warum bist du gerade da?

Was tust du also, wenn die Wut das nächste Mal hochkommt? Lass sie zuerst da sein, ohne ein „Das sollte nicht so sein“ hinterherzuschieben. Dann stell dir eine einzige Frage: „Ich fühle gerade Wut. Warum eigentlich?“

Nimm als Beispiel eine Grenze, die du klar aufgezeigt hast. Jemand ignoriert sie trotzdem und tut so, als stündest du unter ihm. Fragst du deine Wut dann nach dem Warum, lautet die Antwort ungefähr, dass hier etwas nicht stimmt, weil deine Grenze überschritten wurde. Du fühlst dich dieser Person gegenüber ohnmächtig, und die Wut kommt, damit du dir deine Kraft zurückholst. Jetzt weißt du, wo du nachjustieren musst. Aus der Emotion ist Klarheit geworden, und mit ihr bist du zurück in deinem Einflussbereich, weil du wieder die Kontrolle hast.

Vielleicht fragst du dich jetzt: „Wenn mir meine Wut zeigt, dass etwas nicht stimmt, darf ich sie dann auch einfach rauslassen?“ Eine ausgelebte Wut gehört durchaus dazu. Wer aber nicht ins Verständnis seiner Wut geht, sondern in der Raserei bleibt, steigert sich in die Geschichte hinein, die er sich gerade erzählt. Er wird immer emotionaler und unvernünftiger und sagt und tut Dinge, die später bereut werden. Emotionen sind Boten, sie geben nicht den Ausschlag, und du kannst trotz deiner Wut anders handeln, als sie dir nahelegt. Das heißt nicht, dass du sie runterschlucken sollst. Im Buch sage ich es über alle Emotionen so:

Fühl sie alle! Doch fühl sie bewusst und ohne Identifikation, die dafür sorgt, dass sich deine gesamte Realität nur noch um diese Emotion dreht.

So fühlst du die Wut ganz und behältst trotzdem die Wahl, was du aus ihr machst.

Deine Wut ist damit weder ein Feind, den du besiegen musst, noch ein Zustand, in dem du bleibst. Sie holt dich mit ihrer Energie aus der Ohnmacht und sagt dir, was nicht stimmt. Wenn du ihr zuhörst, statt dich über sie zu ärgern, wird sie zum Absprung zurück in deinen Einflussbereich, dorthin, wo du nachjustieren kannst.

Häufige Fragen

Was verbirgt sich hinter Wut?

Hinter Wut steckt die Meldung, dass etwas nicht stimmt. Sie weckt deine Energie, zieht Grenzen und bringt dich aus der Passivität ins Handeln. Wenn sie nach Angst oder Ohnmacht auftaucht, wirkt sie wie ein Befreiungsschlag, mit dem du zu deiner eigenen Kraft zurückfindest.

Wie kann man Wut zulassen, ohne von ihr überrollt zu werden?

Indem du sie bewusst fühlst, ohne sie zu bewerten und ohne dass sich alles nur noch um sie dreht. Frag nach dem Warum, statt dich weiter in die Geschichte hineinzusteigern. Die Wut bringt dir eine Information, entscheidet aber nicht über dein Handeln, deshalb kannst du sie voll spüren und dich trotzdem anders verhalten.

Wut rauslassen oder unterdrücken: Was ist besser?

Keines von beiden in der Form, in der es die meisten tun. Wegdrängen ist in der Regel ungesund, und wer sich zusätzlich über seine Wut ärgert, wählt die schlimmste Variante. Wer sie nur austobt, steigert sich in Raserei und handelt unvernünftig. Besser ist, die Wut zu fühlen und zu lesen, was sie dir mitteilt.

Darf ich wütend sein, oder ist Wut schlecht?

Ja, du darfst Wut fühlen, denn es gibt keine guten oder schlechten Emotionen. Jede ist hilfreich und zeigt dir, ob deine Gedanken dich weiterbringen. Wut wird in unserer Gesellschaft oft unterdrückt, destruktiv wird sie aber erst, wenn du sie lange festhältst.

Porträt von Jens Heuchemer
Zur Person

Über Jens Heuchemer

Jens Heuchemer ist SPIEGEL-Bestsellerautor, Coach und Experte für mentale Stärke und persönliche Transformation. Mit seinem Buch „Mentale Stärke und Resilienz“ zeigt er, wie Menschen innere Stärke entwickeln, mentale Blockaden mit Leichtigkeit überwinden und ein selbstbestimmtes Leben führen.

Mehr über Jens HeuchemerWebsite: jens-heuchemer.com

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