Warum deine Konzentration nach wenigen Minuten verschwindet
Veröffentlicht am von Jens Heuchemer · 5 Min. Lesezeit
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Kurz gesagt
Konzentration meint die Fähigkeit, deine Aufmerksamkeit bei einer Sache zu halten. Wenn deine Konzentration nach wenigen Minuten verschwindet, ist das oft das Ergebnis dessen, was du täglich übst: Wer stundenlang Ablenkung trainiert, wird gut im Abschweifen und bekommt eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Weil dieser Zustand trainiert ist, kannst du ihn auch umtrainieren.
Antwort von Jens Heuchemer zum Buch ‚Mentale Stärke und Resilienz‘
Das Wichtigste in Kürze
- Nicht das Handy an sich nimmt dir die Konzentration, sondern die vielen Stunden, in denen du damit Ablenkung übst.
- Unruhe und Abschweifen sind zwei Seiten desselben täglichen Trainings.
- Ich bestreite keine Diagnose, ich setze nur eine ehrliche Frage an den Anfang.
- Wie beim Autofahren wird aus mühsamem Üben irgendwann etwas, das ohne Nachdenken läuft.
Du setzt dich hin, um zu lesen oder zu arbeiten, und nach wenigen Minuten sind deine Gedanken ganz woanders. Kennst du das? Es fühlt sich an, als greife die Hand wie von selbst zum Handy, und irgendwo im Hintergrund sitzt eine leise Nervosität, die nicht weggehen will. Deine Konzentration scheint sich einfach zu verabschieden, ohne dich vorher zu fragen. Die gängige Erklärung dafür hast du sicher schon oft gelesen: Smartphone und Social Media machen mit ihrer ständigen Ablenkung unsere Konzentration kaputt, also leg das Ding weg.
Ich sehe das anders. Solche Umstände passieren dir nicht einfach, sie werden von dir erschaffen. Nicht das Gerät entscheidet, wie lange du bei einer Sache bleibst, sondern das, was du jeden Tag damit übst. Allein diese Betrachtungsweise bewegt dich direkt wieder viel mehr in deinen persönlichen Einflussbereich.
Keine Krankheit, sondern die logische Konsequenz deines Trainings
Wenn nicht das Handy selbst dir die Konzentration nimmt, was dann? Für viele liegt an dieser Stelle eine Geschichte über sich selbst nahe, etwa die, dass sie jemand sind, der ADHS hat. Bevor ich darauf eingehe, will ich etwas unmissverständlich klarstellen. Ich leugne in keiner Weise, dass es ADHS gibt, und ich will die Folgen für Menschen, die damit leben, nicht herunterreden. Ich bin mir jedoch ebenso sicher, dass sehr viele Menschen sich diese Geschichte so lange erzählen, bis sie voller Überzeugung sind, die Diagnose zu haben. Damit erschaffen sie sich ihre eigene Realität.
Statt einer Geschichte lohnt sich deshalb der Blick auf das, was du tatsächlich tust. Wenn deine Tage vor allem aus schnellen Reizen bestehen, dann ist es keine „Krankheit“ oder sonst etwas, dass du die Aufmerksamkeit kaum noch irgendwo hältst und dauernd unruhig bist. Abschweifen und Nervosität sind dann schlicht die logische Konsequenz deines Trainings, nicht mehr und nicht weniger.
Dein Gehirn wird gut in dem, was du täglich übst
Das Wort „Training“ klingt erst einmal nach Absicht, nach Hantelbank und Trainingsplan. Doch Wiederholung wirkt, ob du sie bewusst wählst oder nicht. Wer mehrmals pro Woche seinen Körper trainiert, baut Muskeln auf und verliert Fett, vorausgesetzt, die Ernährung passt dazu. Mit deinem Gehirn ist es genauso. Trainierst du es darin, seine Aufmerksamkeit nur ein paar Sekunden auf eine Sache zu richten, dann bekommst du genau das, nämlich eine kurze Aufmerksamkeitsspanne.
Ich rechne dir das einmal vor. Angenommen, du willst Profisportler werden und trainierst dafür jeden Tag vier bis sieben Stunden. Nach einem halben Jahr hast du grob zwischen 700 und 1.200 Stunden in dein Training gesteckt. Glaubst du, dass du dann ziemlich gut in dem bist, was du trainierst? Wir beide kennen deine Antwort.
Jetzt dreh das Ganze um. Was ist, wenn du in all dieser Zeit Ablenkung und Unaufmerksamkeit trainiert hast, ähnlich wie es heute stundenlang in Social Media passiert? Dann wirst du darin genauso gut wie der Sportler in seiner Disziplin. Der Vergleich zeigt also nicht nur, wie man besser wird, sondern auch, dass du in dem richtig gut wirst, was dir nicht dient.
Was trainiert ist, lässt sich auch umtrainieren
Wenn Wiederholung deine kurze Aufmerksamkeitsspanne aufgebaut hat, liegt die Frage nahe, ob Wiederholung sie auch wieder zurückbauen kann. Dafür lohnt sich ein Blick darauf, wie wir überhaupt etwas Neues lernen. In der Regel gehören wir zu Beginn zur Kategorie „unbewusst inkompetent“, denn wir wissen nicht einmal, wie viel wir in diesem Bereich noch nicht wissen und können (auch bekannt unter dem "Dunning-Kruger Effect"). Danach werden wir „bewusst inkompetent“ und merken, wie vieles uns noch fehlt. Durch kontinuierliches Üben gelangen wir zur Stufe „bewusst kompetent“, in der wir wissen, was wir können, und es gezielt einsetzen. Zuletzt sind wir „unbewusst kompetent“, weil wir das Können so verinnerlicht haben, dass es ohne Nachdenken funktioniert.
Denk an deine erste Fahrstunde. Vielleicht warst du so aufgeregt, dass hinterher Abdrücke deiner Fingernägel im Lenkrad zu sehen waren. Einige Jahre später fährst du so entspannt, als würdest du auf der Couch liegen, und wechselst nebenbei den Radiosender. Dazwischen liegen genau diese vier Stufen.
Was für das Autofahren gilt, gilt auch für deine Aufmerksamkeit. Wenn dein jetziger Zustand das Ergebnis von Training ist, dann kannst du dich genauso in die andere Richtung trainieren, denn beides erschaffst du allein und niemand sonst. Mit genug Wiederholung wird das neue Verhalten zuerst zu einer bewussten und ab einem bestimmten Punkt zu einer unbewussten Kompetenz. Deine Konzentrationsfähigkeit ist dann eine Fähigkeit, die gerade auf einer dieser Stufen steht.

Die Frage, die du dir vor jeder Geschichte über dich stellst
Wie fängst du also an? Bevor du dir die Geschichte erzählst, dass du dich eben nicht konzentrieren kannst, stellst du dir eine nüchterne Frage:
„Was habe ich in den letzten 12 Monaten mehr trainiert: Social Media, mit neuen Posts und Videos alle paar Sekunden, oder das Lesen von Büchern und Meditation bzw. Achtsamkeit?“
Beantworte sie ehrlich, und zwar mit Blick auf deine tatsächlichen Tage, nicht auf deine guten Vorsätze. Lautet die Antwort Ersteres, dann ist deine kurze Aufmerksamkeitsspanne kein Rätsel mehr, sondern genau das, worin du dich geübt hast. Zugleich zeigt dir die zweite Hälfte der Frage, wohin dein Training ab jetzt gehen kann, nämlich zum Lesen und zu Meditation bzw. Achtsamkeit. Eine dramatische Geschichte darüber, wie du nun mal bist, bringt dich an dieser Stelle keinen Millimeter weiter. Geh stattdessen in die volle Verantwortung. Das ist wahre mentale Stärke.
Vielleicht denkst du jetzt: „Das ergibt Sinn, aber für mich ist es nicht so einfach.“ Dann frag dich, ob etwas zu denken überhaupt eine Frage von „einfach“ und „schwer“ ist oder nur eine von „gewohnt“ und „ungewohnt“. Sag es also, wie es ist: „Das ergibt Sinn. Ich denke einfach, dass es am Anfang ungewohnt sein wird, meine Aufmerksamkeit anders zu trainieren.“
Das ist so akkurat, wie es nur sein kann. Merkst du, wie dich diese Umformulierung direkt in eine machtvollere Position bringt? Aus etwas Schwerem ist etwas Ungewohntes geworden, und Ungewohntes lässt sich üben wie jede andere Fähigkeit.
Deine Konzentration verschwindet nicht einfach, sie folgt dem, was du jeden Tag übst. Weil du den jetzigen Zustand selbst trainiert hast, kannst du ab heute bewusst in die Richtung trainieren, die dir dient. Welche Richtung das ist, entscheidest du mit jeder Stunde, die du einer Sache schenkst.
Häufige Fragen
Warum fühlen sich plötzlich alle so unkonzentriert?
Weil viele Menschen täglich stundenlang Ablenkung üben, etwa beim Scrollen durch Social Media, und man in dem gut wird, was man oft wiederholt. Ein Sportler, der ein halbes Jahr jeden Tag trainiert, wird stark in seiner Disziplin. Genauso wird ein Gehirn, das ständig nach wenigen Sekunden den Reiz wechselt, schnell im Wegschauen. Die nachlassende Konzentration ist dann ein Trainingsergebnis.
Wie trainiert man seine Aufmerksamkeitsspanne und seine Konzentration wieder?
Indem du in die andere Richtung trainierst, also mehr Zeit mit Lesen und Meditation bzw. Achtsamkeit verbringst als mit Posts im Sekundentakt. Am Anfang wird dir bewusst, was dir noch fehlt, später kannst du deine Aufmerksamkeit gezielt halten. Mit genug Wiederholung wird das neue Verhalten zur unbewussten Kompetenz und funktioniert, ohne dass du darüber nachdenkst.
Woher kommt es, dass ich mich kaum noch konzentrieren kann und ständig aufs Handy schaue?
Häufig aus dem, was du in den letzten zwölf Monaten mehr geübt hast, Social Media mit neuen Videos alle paar Sekunden oder Lesen und Meditation bzw. Achtsamkeit. Überwiegt das Erste, sind kaum gehaltene Aufmerksamkeit und ständige Nervosität die Folge dieses Trainings. Diagnosen stelle ich damit nicht in Abrede; die Frage gehört nur an den Anfang, bevor du dir eine Geschichte über dich erzählst.