Deine Identität: Woher weißt du, wer du bist?
Veröffentlicht am von Jens Heuchemer · 6 Min. Lesezeit
Inhalt6 Abschnitte

Kurz gesagt
Mit Identität meinen die meisten das, woran sie festmachen, wer sie sind. Etwa Job, Aussehen oder den Namen, doch all das kann sich ändern. Du weißt, wer du bist, nur im Verhältnis zum Verhalten anderer Menschen. Dein Selbstbild ist eine Auswahl an Gedanken, die du immer wieder denkst.
Antwort von Jens Heuchemer zum Buch ‚Mentale Stärke und Resilienz‘
Das Wichtigste in Kürze
- Die Antwort „weil ich es weiß“ auf die Frage, woher du weißt, wer du bist, ist ein Zirkel… ähnlich wie ein Wort, das man mit sich selbst erklärt.
- Sogar der Name zählt zu dem, was sich ändern kann, und eignet sich deshalb nicht als Anker.
- Ob du mutig oder ängstlich bist, erkennst du erst am anderen Verhalten der Menschen um dich herum.
- Deine Identifikationen darfst du behalten und bewusst spielen wie einen Charakter im Spiel.
Beantworte dir bitte, bevor du weiterliest, eine Frage zu deiner Identität: Woher weißt du, wer du bist? Nimm dir dafür eine Minute Zeit und lies erst dann weiter.
Als ich diese Frage das erste Mal gelesen habe, bekam mein Kopf einen „Syntax Error“. Ehrlich, ich konnte für ein paar Minuten nicht mehr klar denken. Denn die Antwort, die am nächsten liegt, funktioniert nicht. „Ich weiß, dass ich der bin, weil ich es weiß“ erklärt ein Wort mit sich selbst, und dass man das nicht darf, haben wir schon in der Grundschule gelernt.
Vielleicht geht es dir ähnlich, wenn du über dich nachdenkst. Ein Selbstbild hast du, und auch das Gefühl, dich zu kennen, doch eine Begründung dafür findest du nicht.
Wenn du dich beschreibst, zählst du Identifikationen auf
Wenn „weil ich es weiß“ nicht trägt, hilft eine einfachere Frage weiter: Wer bist du? Wenn du darauf eine Minute lang antwortest, könnte ich mir vorstellen, dass das meiste davon auf eine Sache zurückgeht. Sage ich etwa „Ich bin der Jens, 36 Jahre alt und Coach, Speaker und Spiegel-Bestseller-Autor“, dann beschreibe ich mich fast nur über sogenannte Identifikationen.
Eine Identifikation ist etwas, durch das du dich selbst wahrnimmst und definierst. Ich sehe meine Welt also durch die Brille eines Coaches. An sich ist das nicht schlimm, denn es ist einfach die Rolle, die wir in einem bestimmten Zeitraum spielen.
Spannend wird es erst dadurch, dass dein Ego diese Identifikationen gern sammelt, sowohl über Dinge, die du anfassen kannst, wie einen Sportwagen, als auch über Immaterielles wie Titel oder Eigenschaften. Warum tut es das? Dein Ego ist eigentlich nur ein Diener, und es weiß das genau. Da das Ego kein eigenes Bewusstsein hat, kann es sich nur durch eben diese Identifikationen selbst erleben, und mit jeder Identifikation, die ihm sagt, wer es ist, kommt eine weitere Schutzschicht hinzu.
An welchem Nordstern orientierst du dich?
Wenn deine Antworten aus Identifikationen bestehen, stellt sich die nächste Frage: Hält eine davon, wenn sich dein Leben ändert? Woran machst du fest, wer du bist? An deinem Aussehen, deinem Musikgeschmack, deinem Namen oder deinem Job? All das kann sich im Laufe der Zeit verändern. Wie willst du die grundlegende Wahrheit über dich in etwas finden, das sich über Nacht völlig wandeln kann? Dein Job ist, wie jede Form, einmal nicht da gewesen und wird irgendwann nicht mehr da sein.
Denn du kannst ja nicht dein Job oder Jobtitel sein, wenn dein Job als eine Form kommen und gehen kann.
Was dich mit ihm verbindet, ist lediglich die Identifikation, die du mit ihm eingegangen bist. Das gilt für jede andere Form genauso, und deshalb taugt keine von ihnen als Fundament für deine Identität.
Wir wissen, wer wir sind, im Verhältnis zu anderen
Wenn weder deine Gewissheit noch deine wechselnden Merkmale die Antwort liefern, bleibt der Blick nach außen. Im Buddhismus gibt es dafür die Lehre des „Pratītyasamutpāda“. Ich weiß, das klingt wie dein neues Lieblingswort. Gemeint ist das Prinzip des gegenseitigen Entstehens, nach dem Dinge immer in einer untrennbaren Verbindung zueinander entstehen.
Wenn du sagst, dass du bei einem Umzug Möbel schleppst, beschreibst du nicht nur dein Tragen, sondern auch die Möbel, die schwer oder sperrig sind. Selbst wenn du dich allein in ein Zimmer setzt, um zu meditieren, gibt es dieses „allein“ nur, weil es andere Menschen gibt. Dein Verhalten lässt sich also nie beschreiben, ohne dass du das Verhalten deiner Umgebung mitbeschreibst.
Mein Lieblingsphilosoph Alan Watts hat dafür ein schönes Bild. Lehnst du zwei Stöcke gegeneinander, stehen sie aufrecht, weil sie sich gegenseitig stützen, und nimmst du einen weg, fällt der andere um. Seinen Schluss daraus gebe ich dir in meiner Übersetzung:
Wir wissen, wer wir sind, im Verhältnis zu anderen Menschen.
Als ich das zum ersten Mal gehört habe, dachte ich, mein Kopf würde explodieren. Mir ist bewusst, dass der Gedanke vielleicht noch nicht ganz verständlich ist, deshalb übertrage ich ihn auf deine Frage. Woher weißt du, dass du selbstbewusst, mutig oder ängstlich bist? Wenn dir niemand ein anderes Verhalten zeigen würde, könntest du dein eigenes gar nicht einordnen.
Du kannst dich also nur beschreiben und selbst erfahren, weil du siehst und wahrnimmst, wie andere sich verhalten, genau wie dein Tragen nur zusammen mit dem Gewicht der Möbel beschreibbar ist. Deshalb kannst du für das Verhalten deiner Mitmenschen verdammt dankbar sein, auch wenn du es nicht immer gutheißt.
Dein Selbstbild ist eine Auswahl an Gedanken
Wenn du dich nur im Verhältnis zu anderen erkennst und deine Anker wechseln, warum fühlt sich das Bild von dir dann so fest an? Dan Lok erklärt in einem TED-Talk, warum Raucher x-mal am Tag rauchen und Läufer früh aufstehen, um zu laufen. Der Grund ist simpel: Raucher rauchen, weil sie in ihrem Selbstbild Raucher sind, und Läufer laufen, weil sie in ihrem Selbstbild Läufer sind.
Ein Selbstbild ist eine Auswahl an Gedanken, die wir über uns immer wieder denken, nicht mehr und nicht weniger. Braucht ein Raucher Disziplin, um 20 Zigaretten am Tag zu rauchen? Nein, denn für ihn ist das vollkommen normal. Genauso ergeben deine Gedanken über dich deine Kontinuität und deine Disziplin als logische Konsequenz. Wer nicht diszipliniert ist, erzählt über sich eine Geschichte, die einen anderen Ausgang erschafft.
Was du für „so bin ich halt“ gehalten hast, ist demnach keine feste Größe, sondern eine Auswahl an Gedanken, die du lange genug wiederholt hast. Das bedeutet, dass sich dein Bild von dir ändern kann, sobald du anders über dich denkst.
Spiel das Spiel bewusst
Was machst du nun mit deinen Identifikationen, wenn du sie nicht bist, und wie findest du heraus, was dir wichtig ist? Du findest es heraus, indem du dich ins Spiel hineinwirfst, denn was dir wichtig ist, weißt du nur, weil anderen Menschen die gleichen oder eben andere Dinge wichtig sind. Nimm also eine Identifikation, die du gerade lebst, und geh voll in sie hinein wie in ein Spiel. Nutze sie bewusst für all die Erfahrungen dieser Rolle, und behalte dabei im Blick, dass nur dieses eine Spiel endet, wenn die Form endet. Einen Film genießt du ja auch nur, wenn du mit dem Helden mitfieberst, und ein Spiel fändest du langweilig, wenn es dir egal wäre, schon wieder auf „Start“ gekickt zu werden.
Die Kunst liegt einfach darin, das Spiel bewusst zu spielen.
Genau dafür ist dein Ego als Diener da, denn es soll dir helfen, das Spiel zu spielen. Dass es sich auf den Stuhl des Herrschers gesetzt hat, war nie die Absicht. Gemütlich gemacht hat es sich dort nur, weil so lange niemand darauf saß und du es zugelassen hast.
In der spirituellen Szene heißt es oft, wir sollten unser Ego loswerden. Ich frage mich: Und was ist dann? Klar, die unnötigen und destruktiven Identifikationen sind mehr als dämlich. Ohne Ego hätten wir aber gar keine Präferenzen, und dann würden wir keinen klaren Weg für uns einschlagen. Wir würden uns auch nicht gegenseitig helfen, uns zu definieren. Deshalb ist dein Ego in seiner Grundfunktion echt sinnvoll, damit du dich bewusst mit einer Sache identifizieren kannst, und die Betonung liegt auf bewusst.
Du musst deine Identität nicht an etwas festmachen, das bleibt. Du darfst jede Rolle ganz spielen, sie wertschätzen und lieben, solange sie da ist, weil du weißt, dass jede Form irgendwann endet. Endet eine Rolle, dann endet ein Spiel und nicht du. Die Frage, wer du bist, wird damit von einem Problem zu einer Einladung, dich ins Spiel zu werfen.
Häufige Fragen
Wie findet man heraus, wer man wirklich ist?
Nicht aus dir selbst heraus und nicht über Merkmale, die sich jederzeit ändern können. Eine Antwort wie „weil ich es weiß“ dreht sich im Kreis, und Aussehen, Name oder Job können morgen schon anders sein. Deine Identität erkennst du nur im Verhältnis zu dem, was andere tun, denn erst an ihrem Verhalten, das du siehst und wahrnimmst, kannst du dein eigenes einordnen.
Wie kann ich meine eigene Identität beschreiben?
Fast immer über Identifikationen, also über Alter, Beruf, Hobbys und Vorlieben. Das ist in Ordnung, solange dir klar ist, dass es Rollen für einen bestimmten Zeitraum sind. Außerdem kommt keine Beschreibung ohne deine Mitmenschen aus, denn ohne ihr Verhalten könntest du dein eigenes gar nicht beschreiben.
Wie kann ich herausfinden, wer ich bin und was ich will?
Indem du dich ins Spiel hineinwirfst. Deine Präferenzen erkennst du erst an den Menschen um dich herum, denen dasselbe oder etwas ganz anderes wichtig ist. So zeigen sie dir, wer du bist und welche Bedeutung dein eigenes Verhalten für dich hat.
Kann ich mich wirklich grundlegend verändern?
Ja, denn dein Selbstbild besteht aus Gedanken, die du über dich immer wieder denkst, und diese Gedanken kannst du anders wählen. Aus ihnen folgt, was dir normal vorkommt und wofür du keine Disziplin brauchst. Auch das, woran du deine Identität bisher festmachst, verändert sich im Laufe der Zeit ohnehin.