Woran du emotionalen Mut erkennst, wenn dein Kind sich nicht alles traut
Veröffentlicht am von Redaktion Remote Verlag · 5 Min. Lesezeit
Inhalt5 Abschnitte

Kurz gesagt
Emotionaler Mut bei Kindern meint den Mut, über Gefühle zu sprechen und zu merken, wenn es einem anderen nicht gut geht. In Anika Pätzolds Geschichte „Die Höllenpiste“ traut sich Mira die steile Abfahrt nicht zu und ist trotzdem nicht weniger mutig als ihre Freundin. Ihr Mut sieht nur anders aus.
Antwort von Redaktion Remote Verlag zum Buch ‚Entspannte Fantasiereisen für gefühlsstarke Kinder‘
Das Wichtigste in Kürze
- Mira misst Mut an der Abfahrt, die sie sich nicht traut, und hält Leni deshalb für die Mutigere.
- Hinter Lenis Sicherheit stehen drei Wochen Vorbereitung an der Piste.
- Ausgerechnet die bewunderte Freundin benennt Miras eigenen Mut und stellt ihn neben ihren eigenen.
- Der Mut zum Wagnis und der Mut im Umgang mit Gefühlen stehen in der Geschichte gleichrangig nebeneinander.
Es schneit, und Mira liegt im frischen Schnee, in den sie eben einen Engel gezeichnet hat, als ihre Freundin Leni mit einem Schlitten unter dem Arm auf sie zukommt. So beginnt die Geschichte „Die Höllenpiste“, die Anika Pätzold in ihrem Buch erzählt. Leni will heute den ganz steilen Berg hinunterfahren, den die Kinder im Dorf nicht ohne Grund die Höllenpiste nennen, denn etliche von ihnen haben sich dort schon Knochen gebrochen. Mira zögert, geht aber mit.
Sie selbst, das weiß Mira genau, würde sich diese Abfahrt nicht in einer Million Jahren trauen. Oben am Abhang steht Leni dann entschlossen da, während Mira mit rumorendem Bauch in die Tiefe schaut.
Vielleicht hast du dein Kind schon in einem ähnlichen Moment erlebt, neben einem anderen Kind, das sich mehr zutraut. Dann liegt der Gedanke nahe, dass dein Kind weniger mutig sein könnte. Hier setzt die Frage nach emotionalem Mut bei Kindern an, also nach einem Mut, der sich auf keinem Schlitten zeigt.
Miras Maßstab: die Abfahrt, die sie sich nicht traut
Miras Gedanke, sich die Abfahrt nicht zu trauen, hat eine Vorgeschichte. Leni war schon lange deutlich selbstbewusster als sie, ganz gleich, ob es um eine Schulaufführung, um neue Freundschaften oder um waghalsige Unternehmungen ging. Wenn Mira ehrlich zu sich ist, hat sie diese Eigenschaft an ihrer Freundin stets bewundert, und wahrscheinlich, so vermutet sie, hätte sie auch jetzt gern selbst den Mut, die Piste hinunterzusausen.
Gleichzeitig wundert sie sich, warum Leni der steile Berg auf einmal so wichtig ist. Sonst waren die beiden doch zufrieden damit, den kleinen Hügel hinter den Bahngleisen hinunterzurodeln. Woher Lenis Sicherheit kommt, hat Leni ihr kurz vorher selbst erzählt. Seit drei Wochen sei sie die Piste zigmal abgelaufen und habe sich alles ganz genau vorgestellt. Unzählige Male habe sie die Abfahrt vor sich gesehen und gefühlt. Ihre Gewissheit, es zu schaffen, stützt sich also auf diese Vorbereitung.
In Miras Gedanken kommt diese Vorbereitung nicht vor, für sie ist Leni einfach die Mutige von beiden.
Was Mira auf dem Weg zur Höllenpiste tut
Während Mira nur auf das schaut, was sie sich nicht traut, erzählt die Geschichte nebenbei, was sie auf demselben Weg tut. Gleich zu Beginn spricht Mira ihre Sorge offen aus. Der Gedanke an Lenis Abfahrt mache ihr etwas Angst, sagt sie, und sie fragt nach, ob die Freundin sich wirklich sicher ist. Als Leni das bejaht, reckt Mira den Daumen nach oben und macht sich mit ihr auf den Weg. Unterwegs meldet sich Miras Magen, und sie fragt sich, ob das an der Sorge um Leni liegt oder an den vielen Keksen bei ihrer Oma.
Oben am Start wünscht Mira ihrer Freundin Glück und zieht sie in eine rasche Umarmung. Nach Lenis geglückter Fahrt klettert Mira umständlich hinterher, weil sie sich neben der Piste rechts und links an den Baumwurzeln festhalten muss. Unten angekommen, drückt sie Leni noch fester an sich als zuvor und sagt ihr, wie toll sie das gemacht hat.
Die Geschichte nennt nichts davon Mut. Sie erzählt, dass Mira nicht fährt und trotzdem die ganze Zeit bei ihrer Freundin bleibt, und dass sie ausspricht, was sie fühlt, die Sorge, als Leni zu ihr kommt, ebenso wie die Freude nach der Fahrt.
Zwei Arten, mutig zu sein
Was die Geschichte bis dahin gezeigt hat, spricht Leni unten am Berg aus. Mira sagt ihrer Freundin, wie stolz sie ist und wie mutig sie Leni findet. Leni lässt das nicht einfach stehen. Sie sei mutig, wenn es um so etwas wie die Höllenpiste gehe, antwortet sie und deutet vage auf den Abhang. Über Mira sagt sie etwas anderes:
aber du bist mutig, wenn es darum geht, über Gefühle zu sprechen oder zu erkennen, wenn es einem anderen nicht gut geht, und ihn darauf anzusprechen.
Leni spricht dabei über Miras Art insgesamt, und doch passen ihre Worte zu dem, was die Geschichte vorher erzählt hat, denn Mira hat ihre Sorge um die Freundin ausgesprochen und nachgefragt. Damit beschreibt Leni in Kinderworten, was oft emotionaler Mut genannt wird, auch wenn Anika Pätzold diesen Begriff selbst nicht verwendet. Die Geschichte kennt genau diese zwei Formen, den Mut zum Wagnis und den Mut im Umgang mit Gefühlen, und sie stellt keine über die andere.
Das Kapitel trägt den Untertitel „Mut und verborgene Fähigkeiten“, und verborgen war Miras Fähigkeit vor allem vor ihr selbst. Am Ende heißt es nur, ihr Mut sehe etwas anders aus als der ihrer Freundin.

Miras Mut aussprechen, wie Leni es tut
Leni benennt Miras Mut an dem, was Mira tut, und diese Worte kommen bei Mira an. „So habe ich das noch gar nicht gesehen“, antwortet sie, und sie ist ihrer Freundin unglaublich dankbar, dass Leni ihr den eigenen Mut bewusst gemacht hat. Bei Lenis Lächeln wird ihr ganz warm ums Herz, und die merkwürdigen Bauchschmerzen von vorhin sind längst verschwunden.
Einen Ratschlag an Eltern formuliert Anika Pätzold dazu nicht. Sie erzählt diese Wendung als Vorlesegeschichte, die in ihrem Buch Entspannte Fantasiereisen für gefühlsstarke Kinder steht, und ein Kind, das sich mit einer mutigeren Freundin vergleicht, kann sich in Mira wiedererkennen. In Lenis Satz hört es, dass Mut auch darin stecken kann, die eigene Sorge offen auszusprechen oder jemanden anzusprechen, dem es nicht gut geht. Welche von Miras Handlungen hast du bei deinem Kind vielleicht schon gesehen?
Mira sieht am Ende, was längst in ihr steckt, und erst Lenis Worte machen es sichtbar. Für dich als Mutter oder Vater verschiebt sich damit der Blick von der Abfahrt, die dein Kind sich nicht traut, hin zu dem, was es auf demselben Weg tut, so wie Mira ihre Sorge ausspricht, nachfragt, bei der Freundin bleibt und sich mit ihr freut.
Häufige Fragen
Ist ein Kind weniger mutig, wenn es sich nicht alles traut?
Nein, das zeigt Anika Pätzolds Geschichte „Die Höllenpiste“ an Mira. Mira würde sich die steile Schlittenabfahrt nicht zutrauen und hält ihre Freundin deshalb für die Mutigere. Leni sieht das anders und benennt Miras eigenen Mut, der sich im Umgang mit Gefühlen zeigt. Die Geschichte endet damit, dass Mira diesen Mut erkennt, auch wenn er anders aussieht als Lenis.
Welche Formen von Mut gibt es, und was ist emotionaler Mut bei Kindern?
In der Geschichte „Die Höllenpiste“ sind es zwei Formen von Mut. Die eine zeigt sich bei Wagnissen wie der rasanten Fahrt den Berg hinunter, die andere darin, über Gefühle zu sprechen, zu merken, wenn es einem anderen nicht gut geht, und es anzusprechen. Diese zweite Form kommt dem nahe, was viele unter emotionalem Mut bei Kindern verstehen, wobei das Buch den Begriff selbst nicht verwendet und keine weiteren Arten nennt.
Wie reagiere ich, wenn sich mein Kind ständig mit seiner Freundin vergleicht?
Einen Ratschlag für Eltern gibt das Buch dazu nicht, es erzählt aber genau so einen Vergleich. Mira bewundert ihre selbstbewusstere Freundin und ist sicher, dass sie sich so etwas selbst nicht trauen würde. Erst als Leni ihr sagt, dass Mira beim Sprechen über Gefühle mutig ist, sieht sie sich mit anderen Augen. Ein Kind in dieser Lage findet sich beim Vorlesen vielleicht in Mira wieder.
Woran liegt es, dass manche Kinder scheinbar mutiger sind als andere?
Eine allgemeine Ursache nennt das Buch nicht. In der Geschichte ist Leni seit Langem die Selbstbewusstere der beiden, und ihre Sicherheit vor der Abfahrt hat einen konkreten Grund. Wochenlang ist sie die Strecke zu Fuß abgegangen und hat sich die Fahrt im Kopf ausgemalt. Lenis Sicherheit beruht also auf dieser Vorbereitung.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.