Ist ein autoritärer Führungsstil heute noch vertretbar?

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Schaubild zu Autoritärer Führungsstil: zwei Karten im Vergleich, links Wenig Erfahrung, rechts Klare Regeln

Kurz gesagt

Ein strenger, anweisender Führungsstil ist dann vertretbar, wenn Ihre Mitarbeiter wenig Erfahrung haben und klare Regeln als Orientierung brauchen. Sobald Ihr Team fachlich mehr weiß als Sie, kostet dieser Führungsstil Motivation und gute Ideen. Entscheidend ist nicht, welcher Stil als modern gilt, sondern welcher zu den Menschen in Ihrem Team passt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Strenge Führung heißt nicht Befehl und Gehorsam: Die Führungskraft entscheidet, lässt sich aber beraten.
  • Klare Ansagen geben unerfahrenen, zurückhaltenden Mitarbeitern Halt und verhindern Chaos.
  • Bei erfahrenen Fachleuten erzeugen reine Anweisungen Frust und bremsen Eigeninitiative.
  • Auch Führung auf Augenhöhe hat einen Preis: längere Entscheidungswege und mehr Meetings.
  • Die Prüffrage vor jeder Entscheidung lautet: Wissen die betroffenen Mitarbeiter fachlich mehr als ich?

„Autoritär führen? Das macht man heute nicht mehr.“ Diesen Satz hört man in vielen Unternehmen. Und doch gibt es Teams, in denen klare Ansagen von oben besser funktionieren als jede Diskussionsrunde.

Die Art, wie Sie führen, hat einen großen Einfluss auf das, was Ihre Mitarbeiter leisten, und auf die Stimmung im Team. Deshalb lohnt sich die Frage, wann strenge Führung angebracht ist und wann sie Ihrem Team schadet. Die Antwort hängt weniger von der Zeit ab, in der wir leben, als von den konkreten Menschen, die vor Ihnen sitzen.

Gibt es den einen richtigen Führungsstil?

Nein, den gibt es nicht. Es existieren ganz unterschiedliche Arten, ein Team zu führen, und keine davon ist perfekt. Jede hat Vorteile, und jede hat Nachteile, die Sie in Kauf nehmen.

Die nützlichere Frage lautet deshalb: Welcher Stil passt zu meinen Mitarbeitern? Nicht zu Ihrer Branche, nicht zum Zeitgeist, sondern zu den fünf, zehn oder dreißig Personen, für die Sie Verantwortung tragen. Ein Team aus erfahrenen Spezialisten braucht etwas anderes als eine Abteilung mit vielen Berufsanfängern.

Der Führungsstil wirkt auf zwei Dinge gleichzeitig: auf den Output Ihrer Leute und auf die Stimmung im Team. Wer einem selbstbewussten Fachmann jede Entscheidung abnimmt, gibt zu viel vor und verliert dessen Ideen. Wer einen unsicheren Neuling ohne Vorgaben arbeiten lässt, gibt zu wenig vor und bekommt Fehler und eine Menge Rückfragen.

Autoritärer Führungsstil: Wann strenge Führung sinnvoll ist

Beim autoritären Führungsstil steht die Führungskraft im Zentrum. Sie legt fest, was geschieht, verteilt die Aufgaben und behält die Entscheidungen bei sich.

Im Buch nenne ich diese Variante den aufgeklärten Monarchen: eine Führungskraft, die mehr weiß und mehr kann als ihre Mitarbeiter, die Entscheidungen trifft, sich aber von Zeit zu Zeit von ihren Leuten beraten lässt und für gute Ratschläge dankbar ist.

Entscheidungen fallen bei diesem Stil schnell. Es gibt keine endlosen Diskussionen und keine sinnlosen Meetings. Und jeder im Team weiß genau, was er zu tun und zu lassen hat. Vergleichbar ist das mit einem strengen Lehrer: Er hat das Geschehen im Griff, er weiß, was er will, und Chaos bricht nicht aus.

Bei weniger kompetenten Mitarbeitern ist dieser Stil durchaus sinnvoll. Eher passive und schüchterne Mitarbeiter nehmen Strenge und klare Regeln sogar positiv wahr, weil ihnen das Orientierung und Schutz gibt. Wer neu im Job ist und noch nicht weiß, was von ihm erwartet wird, ist froh über einen Chef, der es ihm sagt. Wie Sie eine Aufgabe dann so übergeben, dass das Ergebnis stimmt, hängt davon ab, wie viel Vorgabe der Mitarbeiter braucht.

Wann autoritäre Führung schadet: Wissensarbeit und starke Mitarbeiter

So klar dieser Stil Orientierung gibt, so schnell kippt er. Denn erstens hängt in einem solchen System alles an der Kompetenz der Führungskraft. Macht sie einen Fehler, kann kaum jemand die Stimme erheben oder sie stoppen. Befördert wird aber nicht immer der fachlich Beste. Deshalb ist die Annahme riskant, die Führungskraft wisse in jeder Sache am meisten. Wie es dazu kommt, dass fachlich Ungeeignete befördert werden, ist ein Thema für sich.

Zweitens fühlen sich selbstbewusste Mitarbeiter entmündigt. Egal wie gut ihre Vorschläge sind und welche Belege sie für ihre Sicht haben: Am Ende hängt alles vom Wohlwollen des Chefs ab. Das ist auf Dauer frustrierend.

Drittens belastet dieses System Sie selbst. Alle Verantwortung liegt auf Ihren Schultern, und mit der Zeit sind Sie überlastet, weil Sie bei jeder Entscheidung mitspielen wollen oder müssen.

Gerade bei geistiger Arbeit ist ein solcher Stil meist kontraproduktiv. Ein Mitarbeiter, der sich einen Nachmittag lang in eine Fachfrage einliest und recherchiert, weiß am Ende mehr darüber als seine Führungskraft. Dann ist es schlicht vernünftig, sich auf die besser recherchierte Information der eigenen Leute zu verlassen. Dazu kommt ein Motivationsproblem. Wenn am Ende ohnehin der Chef alle Lorbeeren bekommt, lohnt sich Eigeninitiative nicht, und niemand trägt Ergebnisse von sich aus voran.

Trotz dieser Schwächen bleibt der Stil in bestimmten Fällen tragbar, und dafür müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. Erstens genießen Sie Respekt bei Ihren Mitarbeitern und lassen sich beraten. Zweitens fehlt Ihren Mitarbeitern die fachliche Qualifikation. Sind beide erfüllt, spricht gegen klare Vorgaben nichts.

Kooperativer Führungsstil auf Augenhöhe und sein Preis

Die naheliegende Alternative ist der kooperative Führungsstil. Hier arbeiten Sie mit Ihren Mitarbeitern auf Augenhöhe. Widerspruch und Debatte sind ausdrücklich erwünscht, und beide Seiten sehen sich als Partner statt als Chef und Angestellten.

Die Motivation steigt, weil die Mitarbeiter am Entscheidungsprozess beteiligt sind. Sie arbeiten selbstständiger. Und für Sie ist dieses Modell weniger anstrengend, weil Sie bestimmte Aufgaben nicht mehr vollständig überblicken müssen. Das Arbeitsklima ist meist deutlich wärmer, und damit liegt in der Regel auch die Leistungsbereitschaft höher.

Durch die offene Diskussionskultur brauchen Entscheidungen allerdings länger. Es werden zu viele Meetings anberaumt. Und extrovertierte Mitarbeiter prägen die Diskussionen und wollen dem Team ihren eigenen Stempel aufdrücken, quasi als selbsternannte Mini-Führungskräfte: Kollegen ohne Führungsrolle, die das Wort an sich ziehen und die Richtung bestimmen.

Damit der kooperative Stil überhaupt Sinn ergibt, brauchen Ihre Mitarbeiter eine höhere Qualifikation. Wer fachlich nichts beizutragen hat, kann auch nicht sinnvoll mitentscheiden. Den Wunsch nach Beteiligung haben die meisten Mitarbeiter heute trotzdem, denn der kooperative Stil entspricht ihren Erwartungen.

Zweispaltiges Schaubild zum kooperativen Führungsstil mit Mitentscheiden links und vielen Meetings rechts
Der kooperative Stil lässt Mitarbeiter mitentscheiden, kostet dafür aber Zeit in vielen Meetings.

So entscheiden Sie vor der nächsten Ansage, welcher Stil passt

Sie müssen sich nicht ein für alle Mal für einen Stil entscheiden. Sie entscheiden das von Fall zu Fall, und zwar mit einer einfachen Frage vor jeder Entscheidung: Wissen die betroffenen Mitarbeiter fachlich mehr als ich?

  • Wenn ja: Holen Sie deren Vorschläge ein, bevor Sie festlegen. Sie nutzen damit die besser recherchierte Information Ihrer Leute und geben ihnen einen Grund, sich einzubringen.
  • Wenn nein: Entscheiden Sie selbst und sagen Sie klar, wer was bis wann tut. Das gibt gerade unerfahrenen und zurückhaltenden Mitarbeitern den Halt, den sie brauchen.

Ein Beispiel aus dem Alltag. Sie wollen ein neues Werkzeug im Team einführen, eine Software für die Projektplanung etwa, und zwei Kolleginnen werden damit täglich arbeiten. Dann lassen Sie sich deren Recherche zeigen, bevor Sie festlegen, statt die Entscheidung allein am Schreibtisch zu treffen. Geht es dagegen darum, wer die Übergabe am Freitag schreibt, brauchen Sie keine Diskussionsrunde. Da sagen Sie es einfach.

Anders liegt der Fall, wenn die Kollegin mehr über die Sache weiß als Sie. Dann müssen Sie nachfragen und sich den Ablauf erklären lassen. Das fällt vielen schwer. Ich weiß aus meiner Erfahrung als Business-Coach, dass die meisten Führungskräfte das äußerst ungern tun, weil sie darin ein Zeichen der Schwäche sehen. Welche Stile es sonst noch gibt und wie Sie sie kombinieren, zeige ich in meinem Buch.

Ablaufbild mit einer Karte für die einfache Frage und zwei Pfeilen zu Vorschläge holen und selbst entscheiden
Eine einfache Frage vor jeder Entscheidung führt entweder zum Holen von Vorschlägen oder zur eigenen Ansage.

Häufige Fragen

Welche 3 Führungsstile gibt es?

Klassisch unterscheidet man den autoritären, den kooperativen und den Laissez-faire-Führungsstil. Beim autoritären Stil entscheidet die Führungskraft, beim kooperativen entscheiden Führungskraft und Mitarbeiter gemeinsam. Beim dritten bekommen die Mitarbeiter größtmögliche Freiheit: keine festen Arbeitszeiten, keine festen Urlaubstage, teils bestimmen sie selbst, woran sie arbeiten.

Was sind typische Merkmale des kooperativen Führungsstils?

Für Sie als Führungskraft bedeutet dieser Stil weniger Aufwand, weil Sie manche Aufgaben nicht mehr im Detail überblicken müssen. Das Arbeitsklima ist in der Regel wärmer und die Leistungsbereitschaft höher. Voraussetzung ist allerdings eine höhere Qualifikation der einzelnen Mitarbeiter.

Welcher Führungsstil passt zu mir?

Die Frage ist weniger, was zu Ihnen passt, als was zu Ihren Mitarbeitern passt. Sind Ihre Leute fachlich gut qualifiziert, erwarten sie heute in der Regel Beteiligung an Entscheidungen. Fehlt die Qualifikation, sind klare Vorgaben die bessere Wahl.

Porträt von Wladislaw Jachtchenko
Zur Person

Über Wladislaw Jachtchenko

Wladislaw Jachtchenko kam mit 10 Jahren nach Deutschland.

Vom Musterschüler in der Ukraine wurde er plötzlich Klassenschlechtester. Denn er war des Deutschen nicht mächtig.

Schon damals wurde ihm bewusst: Wenn man seine Kompetenz nicht kommunizieren kann, bleibt man weit unter seinen Möglichkeiten.

Durch diese Erkenntnis und harte Arbeit wurde seine größte Schwäche zu seiner größten Stärke.

Inzwischen ist er mehrfach ausgezeichneter Kommunikations-Experte, TOP-Speaker in Europa, Bestseller-Autor und gefragter Business Coach.

Er hält Vorträge, trainiert und coacht seit 2007 Politiker, Führungskräfte und Mitarbeiter namhafter Unternehmen wie Allianz, BMW, Pro7, Westwing, 3M und viele andere.

Mehr über Wladislaw JachtchenkoWebsite: wlad-jachtchenko.com

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